Madagaskar –

oder: das Weinen der Lemuren

von

Sabine Campana

 

 

 

für Marc

(zur Erinnerung an eine wunderschöne Zeit... ich würde diese Erinnerungen mit keinem Menschen dieser Erde lieber teilen als mit dir...)

 

Madagaskar – erst ein knappes Jahr war vergangen seit ich mit der Österreicherin Stefanie auf dem Deck eines Holzbootes in der Halongbucht in Vietnam gesessen hatte und sie mir von erlebten Reisen berichtete. Als sie damals von der Insel schwärmte, sagte mir der Name nichts. Leer, inhaltslos, nichtssagend. Afrika war für mich immer der Kontinent gewesen, den ich bestenfalls mit einer Löwensafari in Verbindung gebracht hatte und somit auf meiner Wunschliste für Feriendestinationen gar nicht erst auftauchte. Welch ein Unterschied zwischen den Gefühlen, die ich damals in Vietnam empfand, als ich das erste Mal von Madagaskar hörte und den Gefühlen jetzt, wenn ich mich an dieses wunderbare Land mit seinen herzlichen Bewohnern erinnere... Madagaskar ist nicht mehr nur diese Insel auf dem Globus, irgendwo östlich der Südspitze Afrikas. Madagaskar hat ein Gesicht bekommen. Eine Geschichte, ein Gefühl. Madagaskar ist keine leere Bezeichnung mehr. Das Wort ist gefüllt. Gefüllt mit vielen schönen Erinnerungen...

Der Wind bläst uns warm entgegen, als wir am 31. Oktober 2001 in Antananarivo aus dem Flugzeug steigen und zum ersten Mal in unserem Leben afrikanische Erde unter den Füssen haben. Der Faserpelz und die Regenjacke, die wir am Tag zuvor beim Einchecken in Zürich noch so bitter nötig hatten, sind unterdessen um die Hüfte gebunden, und wir steuern auf das erstaunlich moderne Flughafengebäude zu. Wir sind wahnsinnig gespannt, was uns im kommenden Monat erwarten wird. Wir freuen uns auf die üppige Flora, auf viele endemische Tierarten und eine Bevölkerung, die den wenigen Touristen gegenüber noch sehr wohlwollend und neugierig eingestellt sein soll. Gleichzeitig denken wir aber auch an gelesene Reiseberichte, die von verunfallten Taxibrousses, nervtötenden Wartezeiten, Unplanbar-keit, grosser Armut, Dreck und Krankheit berichtet haben. Wir beschliessen, uns überraschen zu lassen und uns diesem faszinierenden Sog, der jedes unbekannte Land ausübt, hinzugeben.

Vorerst heisst es aber erst mal den Sog, den die zehn Taxifahrer ausüben, abzuwehren. Sie erwarten uns am Flughafenausgang, als wir ihnen mit ziemlich dickem Gepäck (dem Himmel sei gedankt, unsere Rucksäcke haben den gleichen Weg genommen wie wir) und mit ziemlich dünnem madagassischem Organisations-Knowhow um halb zwölf Uhr nachts entgegentreten. Lachend erinnern wir uns an ähnliche und schlimmere Szenen an Busbahnhöfen in Vietnam, sind froh um unsere Erfahrung von damals und um unsere nicht immer geliebten Französischlektionen in der Schule. Wir helfen einem ziemlich verunsicherten und nur Englisch sprechenden Norweger, quetschen uns zu sechst in ein altersschwaches Taxi, das dann nach einigen misslungen Anschiebversuchen doch noch anspringt und mit  uns zu einem Hotel in Flughafennähe holpert. Dort erfahren wir zum ersten Mal, dass in Madagaskar Mitternacht nicht nur wirklich mitten in der Nacht ist, sondern dass um diese Zeit auch wirklich schon alle schlafen – auch Hotelbesitzer. Aber unser Taxichauffeur macht sich ziemlich lautstark bemerkbar und so sinken wir bald darauf in ein ziemlich hartes und schmuddeliges Bett und schlafen wie die Engel.

Am nächsten Tag erwachen wir schon früh. Bei Sonnenaufgang geht in Madagaskar das Leben los. Es wird gearbeitet, gegessen, gefeiert solange es hell ist und geschlafen, sobald die Sonne nicht mehr genügend Licht spendet, um etwas anderes zu tun. Schon nach wenigen Tagen stellen wir fest, wie leicht wir diesen Rhythmus übernehmen. Auch Marc ist ganz erstaunt darüber, dass seine wohlbekannte lähmende Morgenmüdigkeit nicht etwa eine genetisch veranlagte und stabile Notwendigkeit darstellt, sondern dass wir uns ohne Probleme und ganz freiwillig jeden Tag zwischen fünf und sechs Uhr in den neuen Tag stürzen. Und genau dies tun wir auch an diesem 1. November.

An der Hotelrezeption erwartet uns schon ein erster Touroperator, dem noch viele folgen werden. Er möchte uns zu total überhöhten Preisen zu einer Tour zu den Tsingy de Bemaraha überreden. Wir schütteln ihn erfolgreich ab, versuchen dasselbe mit dem Taxifahrer, der uns „zu unserer eigenen Sicherheit“ davon abrät, mit dem Bus in die Stadt hineinzufahren und quetschen uns mit unsern grossen Rucksäcken in den Stadtbus nach Antananarivo, kolonialistisch „Tananarive“ oder hier von allen kurz „Tana“ genannt.

 

Tana

Tana

Die Hauptstadt Madagaskars empfängt uns mit ziemlich schlechter Luft, viel Armut und viel Staub – eine Grossstadt in einem Drittweltland. Aber die Sonne scheint, die Leute lachen uns alle freundlich zu und wir sind voller Tatendrang. Nach einigen erfolglosen Anfragen finden wir dann auch ein Hotel, gleich oberhalb des Lac Anosy, an  dessen Ufern am selben Abend noch ein Konzert DER madagassischen Teeniegruppe steigen wird. Die Geschäfte bleiben an diesem Tag geschlossen, der wie bei uns als Feiertag gilt. Die Strassenmärkte jedoch finden wie auch an jedem andern Tag der Woche statt, und so bewundern wir an unserem ersten Madagaskartag den farbenprächtigen Blumenmarkt mit seinen Miniatur-Baobabs, den dunklen Blumentöpfen aus Farnwurzeln und den unzähligen Orchideenarten. Als wir zum Freiheitsdenkmal im See hinaus spazieren möchten, rennen auf dem Weg dorthin so viele Ratten vor unsern Füssen durch, dass ich auf einen Schlag etwa hundert Krankheiten inklusive der madagassischen Pest aufzählen könnte und wir das Denkmal von unserm Kulturplan streichen. Stattdessen wühlen wir uns durch den nächsten Markt, kaufen uns zuckersüsse Mangos, staunen über Menschen, die Körbe voller Hühner auf dem Kopf balancieren, deren Markstand aus drei Häufchen zu je fünf Erdnüssen besteht oder die eine undefinierbare Masse mit Löffelchen aus Palmblättern essen. Wir spielen mit Kindern, die sich mit einer leeren Petflasche mehr vergnügen als mit hundert Barbiepuppen, fotografieren Babies, die voller Stolz fürs Foto zurechtgerückt werden und saugen einfach all die vielen Eindrücke, die sich uns bieten, in uns auf.

Als es zu dämmern beginnt, begeben wir uns ins bekannteste Backpacker-Restaurant  von Tana und erhalten dort auch wirklich viele gute Tipps von Reisenden, die in wenigen Tagen bereits wieder ihren Rückflug antreten und schon richtige Madagaskar-kenner sind. Sie berichten uns von ihrer Tour in die Tsingys de Bemaraha und empfehlen uns einen Führer namens Julien, der ab und an in Antsirabe anzutreffen sei.

Am darauf folgenden Morgen machen wir uns auf nach Antsirabe. Ein Taxi bringt uns nach zum „Gare routière du Sud“. Allerdings versteht der Taxifahrer diesen komplizierten Begriff aus dem Reiseführer nicht, und erst nachdem wir ihm sagen, dass wir ganz einfach ein Taxibrousse nach Antsirabe brauchen, glättet sich seine runzelnde Stirn und er steuert zielstrebig drauf los. Wenn sich ihm zu viele andere Autos in den Weg stellen, fackelt er nicht lange und „überholt“ sie auf dem Gehsteig. Auf einem schlammigen Platz stehen viele Minibuse, die allerdings weder mit ihrem Fahrziel beschriftet, noch an irgend einen Fahrplan gebunden sind. Sie fahren einfach dann ab, wenn sie voll sind. Sehr viele, sehr freundliche und sehr hilfsbereite Menschen reissen uns beinahe das Gepäck aus der Hand und wollen uns überzeugen, in ihr Fahrzeug einzusteigen. Da es uns noch an praktischer Erfahrung mangelt, erinnern wir uns an Reiseberichte in unserem Führer und halten Ausschau nach dem Minibus, in dem schon möglichst viele Leute Platz genommen haben. Je voller ein Fahrzeug ist, desto besser stehen die Chancen, möglichst bald loszufahren. Wir sollten in den folgenden Wochen noch lernen, dass die Menschen, die in den Taxibrousses sitzen, noch lange keine Fahrkarte gekauft haben und nach einem unterhaltsamen Schwatz mit den andern Passagieren und allfälligen „Vahazas“ (Touristen, Fremde) oft einfach wieder aussteigen. Wir haben aber Glück und der Minibus fährt bereits nach einer guten halben Stunde los. Hinter uns sitzen zwei Touristen aus Deutschland mit denen wir uns bald anfreunden. Die Fahrt nach Antsirabe dauert  etwa vier Stunden und führt uns durch herrliche Landschaften. Rote Erde und leuchtend grüne Reisfelder – es ist das Bild, das für uns in Madagaskar bestimmend wird. Unterwegs machen wir Halt, um frische Ananas- und Mangostücke zu kaufen.

Früchte-Kiosk

Ohne Zwischenfall gelangen wir nach Antsirabe („dort wo es viel Salz gibt“) und werden bereits an der Taxi-Brousse-Station von einer Horde Pousse-Pousse-Fahrern erwartet. Die Pousse-Pousses sind zweirädrige Gefährte, die den Rikschas in Japan gleichen. Ihren Namen erhielten durch den Umstand, dass die Häuser Tana, wo die Pousse-Pousses vor der Taxi-Aera im Einsatz waren, an so steilen Hängen stehen, dass jeweils zwei Pousse-Poussiers benötigt wurden – der eine zog, der andere stiess – Pousse-Pousse.

Die Pousse-Poussiers gehören zu einer der ärmsten Bevölkerunsschichten Madagaskars. Oft rennen sie den ganzen Tag barfuss durch die Stadt, ziehen ihr schweres Gefährt hinter sich her und wenn sie Glück haben, verdienen sie dabei 10000 Fmg (umgerechnet 2.50 Sfr), damit sie die Tagesmiete für das Pousse-Pousse bezahlen können und vielleicht noch ein paar Rappen für eine Hand voll Reis übrig bleiben. Kein Wunder stürzen sich die Männer förmlich auf neu ankommende Vahazas, die für die Fahrt zum Hotel wohl meist ein Vielfaches des Preises für die Einheimischen bezahlen.

pousse-pousse in antsirabe

Wir lassen uns also durch das sympathische Städtchen zum Hotel ziehen und deponieren das Gepäck im grosszügigen, sauberen Zimmer, zu dem leider eine stinkende, schmutzige Toilette im Flur gehört.

Mit den beiden Deutschen machen wir uns auf zum „Zebu Philosophe“, das gleich am ersten Abend zu Marcs Lieblings-restaurant auserkoren wird, da die sehr zarten Zebusteaks direkt auf einem heissen Stein am Tisch gebraten werden. Und auch für mich zaubert die Köchin ein tolles Abendessen, nachdem sie ganz stolz verkündet hat, dass sie schon wisse, dass man diese merkwürdigen Vahazas, die kein Fleisch essen „Vegetariens“ nennt und sie diese Bezeichnung für die rare Spezies durch das ganze Restaurant proletet hat. Wir verbringen einen angenehmen Abend, lassen uns von Ferien in  Indonesien vorschwärmen (und erst vor einem Jahr, auf dem Bootsdeck in der Halongbucht von Vietnam...) und geniessen unser Essen.

Gegen acht Uhr verabschieden wir uns von den beiden Deutschen, die am nächsten Tag nach Osten aufbrechen wollen und machen wir uns müde auf den Rückweg zum Hotel. Auf der Veranda vor unserem Zimmer wechseln wir noch ein paar Worte mit einer etwa fünfzigjährigen Französin. Sie erzählt uns, dass sie bereits eine Tour zu den Tsingys im Westen der Insel gebucht hätten und nun darauf hofften, dass sich bald noch ein paar andere Reisende finden lassen würden, damit es bald losgehen könne. Ganz plötzlich stürmt ihr madagassischer Reisebegleiter aus dem Zimmer, reisst sie vom Geländer, schreit auf sie ein, sagt sie habe hier mit niemandem zu reden, stösst sie grob ins Zimmer -  Türe zu, Stille. Wir können uns nur fragend anschauen. An diesem Abend ahnen wir noch nicht, dass wir in den folgenden Tagen Zeugen noch einiger anderer nicht sehr erfreulicher Geschichten dieses Paares werden würden. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt im Hotel in Antsirabe beschliessen wir, dass diese beiden Menschen wohl nicht in unsern engeren Freundeskreis aufgenommen werden.

Am nächsten Morgen früh steht der aggressive Madagasse bei Marc im Hotelzimmer, entschuldigt sich für sein gestriges Verhalten und erklärt, er sei für die Sicherheit seiner Begleiterin verantwortlich. Auch wenn wir sein Verhalten, vor allem ihretwegen, nicht entschuldigen können, halten wir uns raus und widmen uns unsern eigenen Herausforderungen dieses Tages. Unser Samstagsplan besteht vor allem im Ziel, unsere Tour zu den Tsingys zu organisieren. Ein ziemlich aufdringlicher Anbieter dieser Tour nennt sich Gaby und hat schon ein anderes Paar für den Trip gewinnen können – die Chancen würden also gut stehen, dass es schon bald losgehen könnte. Als wir dann aber erfahren, dass dieses andere Paar unsere merkwürdigen Bekannten aus dem Hotel sind, ist unser Entschluss klar. Wir wollen diese Tour geniessen... Ganz zufällig treffen wir an der Rezeption unseres Hotels einen andern Führer, der soeben von einer Tour zu den Tsingys zurückgekehrt ist. Wir fragen ihn, ob er einen Führer namens Julien kenne, den wir im Restaurant in Tana empfohlen bekommen hatten. Er ist es selbst. Von Anfang an macht er einen sehr sympathischen Eindruck auf uns. Das Problem ist jedoch, dass er noch keine andern Interessenten gefunden hat und die Gruppe aus mindestens fünf Personen bestehen muss. Ein anderes Problem ist auch, dass wir uns beide sehr auf die Tsingys, die kürzlich von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden waren, gefreut haben, Julien jetzt aber berichtet, dass es für diese Saison wohl seine letzte Tour zu den Tsingys gewesen sei, weil bald die Regenzeit einsetzen würde und somit die Piste dorthin nicht mehr passierbar sein werde. Tsja... Wir wollen abwarten. Unterdessen erkunden wir den grossen Samstagsmarkt von Antsirabe, verschenken die letzten Kleider, die wir aus der Schweiz für diesen Zweck mitgebracht haben, Marc kauft sich einen typischen madagassischen Strohhut, an den ich mich zuerst gewöhnen muss, ihn aber bis am Schluss richtig sexy finde, wir geniessen nochmals ein Abendessen im „Zebu philosophe“ und begeben uns anschliessend ins „Kabary“, ein kleines gemütliches Hotel, in dem jeden Abend live madagassische Musik gespielt wird. Wir beobachten von hinten zwei  Männer und beratschlagen, ob sie wohl ein Paar sind. Mitten in unserer wichtigen Diskussion werden wir erneut von einem Führer unterbrochen, der noch Vahazas für seine Exkursion zu den Tsingys sucht. Er nennt sich Billy und wird in meinem Reiseführer in den höchsten Tönen gelobt. Billy hat bereits zwei Interessenten – die beiden (schwulen) Männer am Tisch vor uns. Sie sind Franzosen und scheinen uns sehr sympathisch und vor allem friedliebend zu sein. Wir erzählen Billy, dass wir bereits mit Julien eine Abmachung hätten. Billy und Julien sind aber gute Freunde und er verspricht uns, mit Julien zu sprechen, damit wir möglichst schon am Montag losfahren können. Uns ist es recht. Billy gleicht einem gemütlichen Braunbären und wir schenken ihm unser Vertrauen. Wir sollten nicht enttäuscht werden...

Am Sonntag mieten wir uns zwei Fahrräder. Wir sind erstaunt darüber, dass sich in Madagaskar überhaupt so gut gefederte Räder finden lassen. Als unser Velovermieter hört, dass wir aus der Schweiz kommen, erzählt er uns, dass sein Chef in Afoltern stationiert sei. Schweizerisch ist dann auch der Preis für die Radmiete, und Schlüssel für das Schloss sind momentan auch keine aufzutreiben. Da es aber schon beinahe Mittag ist, drängt die Zeit und wir wollen fahren. Unser Velovermieter verspricht uns, die Schlüssel zu organisieren und uns im High-Speed nachzukommen. Nach ein paar Kilometern holt er uns tatsächlich ein und wir können zufahren. Nach einer Stunde zweigen wir in einen Feldweg ein, kurven um eine Zebuherde herum, schwitzen, bestaunen ein kleines Kind, dass bei einer Tagestemperatur von 35 Grad im Schatten einen hellrosa Skianzug trägt und haben schon bald unser erstes Etappenziel, den Lac Andraikiba erreicht. Der See mit den Föhren, die den Uferrand säumen, erinnert uns irgendwie an die Schweiz – die Hitze tut dies weniger. Wir fahren weiter durch kleine Dörfer, in denen die Bewohner aus ihren Lehmhütten gerannt kommen um uns zu begrüssen und die Kinder sich neugierig um uns drängen. Die Hütten sind aus roter Erde gebaut und fügen sich malerisch in die Umgebung ein. Bei einem unserer Stopps in einem solchen Dörflein unterhalten wir uns mit ein paar Kindern, machen Fotos von kleinen Mädchen, die bereits ihre jüngeren Geschwister in einem Tuch auf dem Rücken tragen und Marc lässt einen erstaunten Knaben durch das Zoom seiner Kamera schauen. Als der kleine Junge fragt, ob er ein Stück auf Marcs Rad fahren dürfe, sind wir beide überzeugt, dass er es kaum schaffen wird, da er viel zu klein ist, überhaupt den Sattel zu erreichen. Weit gefehlt! Geschickt schlüpft er mit einem Bein einfach unter der Stange hindurch, hält über seinem Kopf den Lenker und radelt in einem Affentempo los. Wir können kaum zuschauen! Nach wenigen Minuten bremst er aber wieder glücklich strahlend vor uns und das Rad ist wieder in Marcs Besitz. Wir winken den Kindern zum Abschied zu und fahren lachend weiter.

Neugierige Kinder unterwegs

Im nächsten Dorf begleitet uns ein radfahrender Jugendlicher ein Stück und redet ohne Punkt und Komma auf uns ein. Kurz nach dem Dorf reisse ich einen Vollstopp. Ein seltsamer Fussgänger ist ohne nach rechts oder links zu schauen auf die Strasse herausgetreten: unser erstes Chamäleon. Es ist blau-gelb gefärbt, und fasziniert beobachten wir seinen langsamen, schaukelnden Gang, seine zusammengewachsenen Zehen und die lustigen Augen, die sich unabhängig voneinander bewegen. Wir nehmen es in die Hand und setzen es nach einem Fotoshooting sicher auf der andern Seite der Strasse ab. Bald darauf erreichen wir den Vulkansee Tritriva. Leider gehören wir scheinbar nicht zu den allerersten weissen Entdeckern dieses Sees: es werden uns Halbedelsteine und Strohhüte zum Verkauf angeboten, an einer Barriere müssen wir Eintritt bezahlen und drei kleine Jungs ernennen sich selbst zu unsern Führern. Einer davon hat in der Schule sogar die Legende um diesen See auf Englisch auswendig gelernt und rezitiert für uns. Der wesentliche Inhalt der Geschichte ist rasch erzählt: Ein armer Schlucker von einem Jüngling hat sich in eine reiche Schönheit verliebt, die Eltern verbieten die Liaison, aus Verzweiflung stürzen sich die beiden in den See und ertrinken – Romeo und Julia auf madagassisch. Seither ist dieser See Fady, mit einem Tabu belegt, das es verbietet, im See zu baden oder in dessen Nähe Schweinefleisch zu essen. Unsere beiden Farmerstängel aus der Migros verbietet es jedoch nicht und so lassen wir uns für eine Weile im Schatten des Sees nieder. Am Ufer treffen wir dann auch Julien mit einer Gruppe junger Franzosen. Sie essen Thunfisch – erlaubt. Wir erzählen ihm von unserer gestrigen Unterhaltung mit Billy und er meint, dass Billy ein sehr guter Führer sei und wir beruhigt mit ihm mitgehen könnten. Wir schwingen uns wieder auf unsere Räder und schlagen den Weg Richtung Betafo ein. Der Weg wird immer weniger Weg und immer mehr ausgetrocknetes Bachbett mit tiefen Furchen, Löchern, Steinen – Marc ist im Element, ich bin es weniger. Der gut gemeinte Ratschlag meines Radprofis „es einfach fahren zu lassen“ endet mit einem Sturz, aufgeschürften Beinen und einem Schnitt in der Hand. Am Abend gesellen sich dann noch Brandbläschen an den Armen hinzu, da die Sonne wirklich gebrannt hat und die fahrlässig aufgetragene Sonnencreme vom Morgen nicht wirklich „daylong“ gehalten hat. Was nicht tötet, härtet ab. Trotzdem ist dieser Tag phantastisch. Die Landschaft verschlägt einem den Atem, die neugierige Herzlichkeit der Dorfbewohner nimmt einem gefangen. Bald erreichen wir Betafo, lassen unsere Räder auf das Dach des Taxibrousses laden, quetschen uns zu zweit auf  den Beifahrersitz und lassen uns nach Antsirabe zurück chauffieren.

Atemberaubende Landschaften im Hochland

Abends sitzen wir müde und glücklich im „Kabary“, lauschen der fröhlichen Musik, besprechen mit Billy die letzten Details für den nächsten Morgen, handeln und feilschen ein bisschen um den Preis für die Tour und überzeugen ihn, dass wir trotz Regenzeit versuchen wollen, zu den Tsingys zu gelangen.

Am nächsten Tag soll es um elf Uhr losgehen. Mit von der Partie sind ausser unserer Wenigkeit die beiden Franzosen mit den Namen Philippe und Phillippe (können sogar wir uns merken) und der Belgier Michael. Es wird dann allerdings drei Uhr Nachmittags bis wir losfahren, weil die beiden Phillippes einzig und allein mit ihrer Kreditkarte nach Madagaskar gereist sind, finanziell auf dem Trockenen sitzen, die madagassischen Banken das Kreditkarten-geschäft scheinbar noch nicht aus dem ff kennen und sowieso alles ein bisschen länger dauert auf dieser Insel. Mora mora – immer mit der Ruhe. So bleibt noch Zeit für einen weiteren Kaffee, ein trockenes Baguette, ein sandiges Stück Kuchen und ein Gspräch mit einem Pärchen aus Österreich, das sich wahnsinnig darüber aufregt, wie teuer hier alles ist und uns die Geschichte erzählt, wie sie fast aus einem Taxi-Brousse rausgeschmissen worden seien, als sie sich weigerten, den geforderten Ticketpreis zu bezahlen. Aber Hauptsache sie schaffen es, mit ihrem gesparten Geld drei Monate lang unterwegs zu sein. Schöne Ferien! Irgendwann geht’s dann aber sogar für uns los. Mit einem Peugeot fahren wir Richtung Miandrivazo, wo wir am nächsten Tag einbooten wollen. Als wir in der Dunkelheit um acht Uhr beim Hotel ankommen, hat die Hotelküche bereits geschlossen. Im Dorf finden wir aber noch ein Restaurant, das einem ausgewanderten Franzosen fortgeschrittenen Alters und seiner madagassischen Ehefrau wenig fortgeschrittenen Alters gehört und die uns köstlich bekochen. Zwischen den Gängen bewundern wir die erotischen Malereien des Restaurantbesitzers und Marc überlegt sich ernsthaft, nach Madagaskar auszuwandern. Vorerst sinkt er aber noch mit mir ins weiche Hotelbett unter dem Moskitonetz, über das während der ganzen Nacht Geckos rennen und einen wahnsinnigen Lärm veranstalten.

Tagwache ist um sechs Uhr. Am ersten Tag finden wir das noch unmenschlich früh. Am zweiten Tag werden wir dann freiwillig um fünf Uhr aufstehen, um die wenigen Stunden zu geniessen, in denen die Sonne noch nicht ganz so unbarmherzig vom Himmel brennt. Wir spazieren ins Dorf, warten wieder einmal auf die beiden Phillippes, die suchtgetrieben einen Wochenvorrat an Zigaretten auftreiben müssen und bestaunen unsere zwei ausgehöhlten Baumstämme, die uns in drei Tagen den Fluss Tsiribihina hinunter tragen sollen. Viel Gepäck wird in den Pirogen verstaut. Zum Gepäck gehören auch drei Hühner – am Tag darauf gibt’s Poulet. Frisch. Am hinteren Ende der Einbäume nimmt jeweils ein Ruderer Platz. Er wird mehrere Stunden am Tag sein schweres Holzpaddel ins Wasser tauchen. Drei Tage lang. Danach wird er das ganze Stück zurück rudern. Stromaufwärts. Zehn Tage lang. Wir wollen nicht wissen, was er dabei verdient. Wie die Pousse-Poussiers von Antsirabe gehören die Piroguiers nicht gerade zur Oberschicht Madagaskars.

Marc im kampf gegen die Hitze

Wir gleiten unter Mangobäumen hindurch, pflücken die süssen Früchte vom Boot aus und verschlingen sie schmatzend und kleckernd. Das Wasser ist von der braunen Erde sehr trüb und steht beinahe still. Am ersten Tag trauen wir uns aus Angst vor Bilharziose kaum die Hände darin zu waschen. Die Angst sollte sich in den nächsten Tagen notgedrungen legen. Mittagsrast wird am Flussufer eingelegt, unter riesigen Mangobäumen, unter denen die heruntergefallenen Früchte vor sich hin faulen und einen Geruch verströmen, der einem schon beim Einatmen beschwipst macht. Wir bleiben nicht lange alleine. Gaby hat sich mit seiner Reisegruppe den gleichen Rastplatz ausgesucht. Allen voran schreiten unser aggressiver Hotel-Freund und seine weisse Begleiterin. Er ist lediglich mit einer grauen Unterhose bekleidet. Sein Outfit wird sich auch in den nächsten Tagen nicht ändern – genau wie sich auch sein Name, den wir uns für ihn ausdenken, nicht mehr ändern wird: Le Slip. Weniger störend sind die Einheimischen, die zum Stamm der Antanosy gehören und uns ein wenig scheu aus sicherer Entfernung beobachten. Sie sind mit farbigen Tüchern gekleidet, die auch die Männer wie einen Rock um ihre Hüften tragen. Ein junger Mann interessiert mich besonders. In seinem kurzen Kraushaar steckt ein leuchtend roter Kamm. Leider bin ich mir zu diesem Zeitpunkt meiner einmaligen Chance nicht bewusst. Später lese ich nämlich über diesen Stamm, dass sich die jungen Männer einen Kamm in ihr Haar stecken, wenn sie auf Brautsuche sind. Ich finde das eine sehr praktische Einrichtung... Nach einem kurzen Mittagsschläfchen unter den Mangobäumen geht’s dann auch schon weiter. Es ist heiss. Brennend heiss. Wir bewegen uns nicht und staunen trotzdem, dass man sogar an den Unterarmen und auf der Handoberfläche schwitzen kann. Gewarnt durch die verbrannten Arme in Antsirabe, ziehen wir uns trotz der Hitze ein langärmliges Hemd über. Heiss ist heiss – da spielen Kleider, ob kurz- oder langärmlig, keine Rolle mehr. Gegen fünf Uhr abends steuern wir auf eine Sandbank zu, wo wir unsere erste Nacht im Zelt verbringen werden. Wir werden von Billy fürstlich bekocht. Es gibt starken Rum und Erdnüsse zum Apero, Gemüse, Fleisch und Teigwaren zum Hauptgang und frische Ananas zum Nachtisch. Wir essen auf einer Strohmatte auf dem Sandboden. Satt, müde und glücklich bestaunen wir die vielen hellen Sterne am Himmel bevor wir uns nach und nach in unsere Zelte verkriechen. Billy und die beiden Piroguiers schlafen draussen unter freiem Himmel. Billy gönnt sich seit ein paar Jahren den Luxus eines Moskitonetzes, das ihm eine junge hübsche Vahazette vor einiger Zeit geschenkt hat und das ihn ein wenig schützen soll. Malaria hat er trotzdem. Immer wieder holen ihn Fieberschübe ein und er muss starke Medikamente nehmen.

Das Nachtlager von Billy

Am nächsten Morgen geht es schon früh weiter. Die Morgenstunden sind am angenehmsten, die Hitze ist noch erträglich. Wenige Stunde später können wir uns kaum noch erinnern, wie sich ein kühler Lufthauch überhaupt anfühlt. Wir meinen, sterben zu müssen. Unser Lebenswille wird einzig vom Versprechen aufrecht erhalten, dass wir am Mittag bei einem Wasserfall Halt machen werden, wo wir baden können. Die Minuten schleichen dahin. Bootsfahrt im Zeitlupentempo. Doch irgendwann kommen wir doch noch an, schleppen uns dem Flussufer entlang und gelangen zum in diesem Augenblick absolut schönsten Wasserfall der Welt. Wir tauchen ins klare Wasser, schrubben uns mit Seife und gönnen uns den Luxus eines frischen, wohlriechenden T-shirts. Wie schön ist es, sauber zu sein! Nach dem Mittagessen entdecken wir zum ersten Mal auf unserer Reise Lemuren. Sie turnen hoch oben in den Baumwipfeln gleich neben unserer Mittagstafel herum. Wir sind fasziniert. Die zweite Hälfte der Tagesetappe ist erträglich. Bald schon schlagen wir unser Nachtlager auf. Zum Abendessen gibt’s die drei Hühner. Ich bin froh, dass sie tot sind. Sie haben mir doch sehr leid getan, den ganzen Tag in dieser Piroge mit zusammengebundenen Füssen liegen zu müssen. Der Rum, den uns Billy wiederum serviert, hat es in sich. Er wäre auch auf vollen Magen gefährlich. Wenn man aber den ganzen Tag nicht viel gegessen hat, ist man nach einem Gläschen ganz froh, sich auf der Bastmatte ausstrecken zu können und keinen Schritt mehr gehen zu müssen. Als Alternative zu den Hähnchen kocht mir Billy eine dicke Eieromelette. Bei dem Gedanken, dass die Eier zwei Tage in der vollen Hitze gelegen haben, ist mir nicht sonderlich wohl. Ich vergrabe die Omelette im Sand.

Der letzte Tag auf dem Fluss bricht an. Mittagsrast wird am Flussufer unter Schatten spendenden Bäumen gemacht, zum Mittagessen gibt’s diesmal für alle Omelette – von drei Tage alten Salmonelleneiern. Billy kann unsere Sorgen nicht verstehen. Die Piroguiers freuen sich aber über die zusätzliche Mahlzeit. Von den Bäumen hängen viele Lianen. Mein Versuch, Jane zu spielen endet jedoch damit, dass ich mitsamt der Liane zu Boden gehe. Auch die vielen Stechmücken gefallen uns nicht sonderlich und so drängen wir bald zum Aufbruch. Gegen Abend legen wir an. Unser Gepäck wird auf einen Zebukarren geladen und gemütlich spazieren wir zum Dorf Belo-Tsiribihina. Am meisten haben wir uns ja auf die Hoteldusche gefreut. Sie besteht aber nur aus einem Fass, gefüllt mit Flusswasser (dasselbe Flusswasser in dem wir wegen Bilharziosegefahr am ersten Tag die Hände nicht gewaschen haben) und einem kleinen Eimer, mit dem man sich das Wasser übergiessen kann. Alles egal – Hauptsache man ist nicht mehr schweissverklebt. Erfrischt machen wir uns auf Entdeckungstour durch das kleine Dorf.

Sehr arm – aber sehr fröhlich...

Wir beobachten die süssen Kinder und schauen beim Dorf-Pub, einem Bretterverschlag, vorbei. Die Bevölkerung ist sehr arm, die Kinder sehen mit wenigen Ausnahmen sehr krank und mangelernährt aus. Viele haben aufgedunsene Bäuche. Es macht mich ein wenig traurig. Die lachenden Gesichter und die glücklichen Augen der Menschen lassen einem aber das offensichtliche Leid besser ertragen.

Zum Abendessen gibt es die besten Linsen, die ich je gegessen habe und sogar Marc überlegt sich für einen kurzen Moment, ob er nicht Vegetarier werden möchte.

Unser 4x4 - Wagen wartet bereits am frühen Morgen auf uns. Auf einer Fähre setzen wir über den Fluss. Die Fähre besteht aus zwei kleinen Booten mit Aussenbordmotor, die nur durch eine paar Holzleisten verbunden sind und auf diese Holzleisten werden Unmengen von Menschen, Waren und unser Jeep geladen. Um zehn Uhr kommen wir im Dorf am gegenüber liegenden Flussufer an und werden gleich zum Restaurant gefahren, damit wir unser Mittagessen bestellen können. Die Kochmannschaft des Restaurants benötigt zwei Stunden um es zuzubereiten. Mora mora. Marc und ich gehen auf Sonnencreme-Suche. Keine Chance. Madagassen brauchen keine Sonnencreme. Im Dorf herrscht emsiges Treiben. Der Dorfplatz vor der Schule ist reich geschmückt. Der Regionalpräsident wird erwartet. Wir verpassen ihn leider zu Gunsten unseres Mittagessens. Das Essen ist mässig, aber der absolute Hammer ist der Kühlschrank des Restaurants. Gekühlte Getränke - welch ein Luxus!

Am Nachmittag beginnt das schwierige Stück des Weges zum Tsingy. Für die achtzig Kilometer benötigen wir zirka fünf Stunden und werden dabei so richtig durchgeschüttelt. Aber wir haben Glück. Der Regen hat wider Erwarten noch nicht eingesetzt und wir passieren ohne Probleme die Flüsse. Am Abend setzen wir auf einer Fähre, die der von heute Morgen in Originalität in nichts nachsteht, über den Manambolo-Fluss und schlagen an dessen Ufer unsere Zelte auf. Das kleine Dörfchen neben unserem Lager ist idyllisch. Die Bevölkerung trifft sich abends beim Wasser holen am Ziehbrunnen, und wir bestaunen ein junges zartes Mädchen, das den schweren Wassereimer auf den Kopf hievt und ihn mit Leichtigkeit zum Dorf zurück balanciert. Die Eimerdusche bei Kerzenlicht finden wir an diesem Abend bereits romantisch und können uns eine Dusche mit Wasserhahn schon gar nicht mehr vorstellen.

Der nächste Tag soll also unser Tsingy-Tag werden. Der Tsingy de Bemaraha ist eine spektakuläre Karstlandschaft, die aus Tausenden von spitzen Kalksteinnadeln besteht. Es ist faszinierend, in dieser bizarren Steinwüste herum zu klettern.

Tsingy de Bemaraha

Unser Führer erzählt uns viel, beinahe zu viel. Er leidet an derselben Krankheit, an der schon die Guides in Vietnam gelitten haben... reden, reden, reden... Jeder Fusstritt wird von ihm vorherbestimmt, vor jedem herabhängendem Ästchen wird gewarnt. Wir lächeln und lassen ihn reden. Dazwischen frönt er seiner Leidenschaft für gruselige Geschichten, wie der, die davon erzählt, wie eine Frau beim Wasser holen im Manambolo-Fluss von einem Krokodil angegriffen wurde und deren Kopf man erst Tage später im Schilf gefunden hat, oder wie Dorfbewohnern einander Leguan-Leber ins Essen mischen um einander umzubringen. Die Geschichten sind spannend, aber nicht sehr glaubwürdig. Ausserdem nimmt uns der Tsingy so gefangen, dass wir gar keine Zeit haben, diesen Erzählungen zu grosse Beachtung zu schenken. Der Einzige, der uns von den Kalksteinspitzen abzulenken vermag ist ein nachtaktiver Wieselmaki, der durch unser Auftauchen bei seinem Schläfchen in der Baumhöhle gestört wird, uns verschlafen entgegen blinzelt, sich kurz streckt und sich die Augen reibt, um dann kurze Zeit später wieder einzudösen.

Am Mittag treffen wir auch Gaby mit seiner Gruppe auf dem Zeltplatz. Am Tag zuvor haben wir sie im Dorf warten sehen. Der 4x4 - Wagen, den Gaby angeblich organisiert hat, war nicht aufgetaucht. Bis die Gruppe endlich mit einem anderen Auto losfahren konnte, war schon spät und so sind sie die ganze Nacht durchgefahren. Man sieht es den armen Menschen an. Wir meinen bei Billy einen leichten Hauch von Schadenfreude zu entdecken. Scheinbar sind er und Gaby nicht die besten Freunde. Schon bei der Bootsfahrt haben wir uns oft an die Camel-Trophy erinnert gefühlt, bei der sich die verschiedenen Teams verbissen auszustechen versuchen. Wir gönnen es der Gruppe, dass sie es noch  geschafft hat – schliesslich sind die Gruppenmitglieder durch Le Slip schon genug bestraft...

Am Nachmittag erkunden wir noch den „Petit Tsingy“, die Miniatur-Ausgabe des grossen Tsingys, hören uns noch etwa vierundvierzig Mal das „Attention à votre tête“ von unserem Führer an und lassen den Tag gemütlich ausklingen, indem wir am Flussufer den Liedern von Billy, dem Chauffeur und andern Madagassen lauschen. Auch viele Kinder vom Dorf sitzen neben uns und amüsieren sich kichernd. Leider ist die Idylle am Manambolo-Fluss nicht von langer Dauer: Le Slip tritt wutentbrannt mit seinen Westernstiefeln auf ein Zelt ein, in dem zusammengekrümmt seine Begleiterin liegt. Nun beginnen sich auch die andern Tourteilnehmer einzumischen. Mit Gewalt müssen sie den Mann wegzerren. In dieser Nacht schläft er draussen – und die Frau uriniert ins Zelt, weil sie sich nicht raus traut. Uns fällt es schwer, das alles zu begreifen. Später erfahren wir, dass der Mann Leo heisst, Philosophieprofessor in Paris sein soll, seine Frau scheinbar soeben aus der Alkoholentzugsanstalt entlassen worden ist und er mit ihr fortgefahren ist, um einen Rückfall zu verhindern. Eigentlich ist es uns auch egal – wir haben allerdings grosses Mitleid mit den andern Tourteilnehmern und sind gleichzeitig unglaublich froh, dass wir in Antsirabe entschieden haben, uns nicht der Gruppe von Gaby anzuschliessen.

Am nächsten Tag ist die Tour bereits zu Ende. Wir fahren nach Morondava, suchen uns ein Hotel und verabreden uns zum letzten Mal mit Billy, Julien, Philippe und Philippe zum gemeinsamen Abendessen. Obwohl es im Küstenstädtchen tropisch heiss ist, erscheint Billy mit einem dicken Pullover im Restaurant. Am nächsten Tag erfahren wir, dass er wieder einen Malariaschub hat und mit über vierzig Grad Fieber siebzehn Stunden im Taxi-Brousse nach Hause gefahren ist. Der Arme! Wir hoffen, dass es ihm bald besser geht. In der Nacht ist es so heiss, dass wir kaum schlafen können. Trotzdem geniessen wir nach der Woche im Zelt die weiche Matratze.

Am nächsten Morgen geniessen wir das Frühstück auf der Veranda des Hotels, gleich an der Meereseinmündung des Morondavaflusses. Ebenfalls auf der Veranda sitzen bereits Philippe und Philippe – sowie Leo und seine Frau. Sehr friedlich, sehr verliebt. Wir werden sie nicht los und sie sich gegenseitig scheinbar auch nicht. Mit dem Fruchtsalat im Mund und der Kaffeetasse in der Hand bestaunen wir die Auslegerpirogen, die an uns vorbeiziehen, randvoll gefüllt mit riesigen Fischen. Die Gegend um Morondava ist der zentrale Lebensraum der Vezo. Die grosse Mehrzahl der Angehörigen dieses Stammes lebt nach wie vor nomadisch und ernährt sich ausschliesslich vom Fischfang. Die grossen Segel ihrer  Pirogen werden nachts zu Zelten umfunktioniert.

Ein guter Fang...

Wir müssen uns aber zu Gunsten der Organisation unseres Flugs nach Tulear vom faszinierenden Anblick losreissen. Wir brauchen ein Taxi in die Stadt. Dies ist gar kein so leichtes Unterfangen. In ein paar Wochen finden Präsidentenwahlen statt, die Benzinversorgung wurde im Zusammenhang damit vor ein paar Tagen privatisiert, das Benzin ist knapp und teuer. Von den hundertdreissig Taxis, die in Morondava normalerweise im Einsatz stehen, fahren im Moment gerade noch zwanzig. Ich kann ja kaum die sieben Schweizer Bundesräte ohne zu stocken aufzählen, und so durchschaue ich auch die Präsidentenwahlen in Madagaskar nicht bis ins letzte Detail, aber es scheint schon eine echt grosse Sache zu sein. Das sollten wir in den letzten Tagen unserer Reise nochmals eindrücklich bestätigt bekommen...

Vorerst organisieren wir aber unser Ticket nach Tulear, verbringen den ganzen Nachmittag auf der Bank, deren Angestellter drei Stunden braucht, um meine Travellercheques zum falschen Kurs einzulösen und schaffen es dann gerade noch rechtzeitig zum Sonnenuntergang an den Strand. Am Abend treffen wir im Hotel auf unsere beiden sparsamen Österreicher aus Antsirabe. Auf die Gefahr hin, dass sich ihre geplante Reisedauer etwas verkürzt, haben sie unterdessen ihre strengen Budget-Vorgaben etwas gelockert, logieren sogar im gleichen Hotel wie wir und überlegen sich allen Ernstes, ob sie einen Inlandflug buchen wollen. Wir denken, sie können ihre Ferien, wenn auch für kürzere Zeit, auf diese Weise einiges mehr geniessen.

Gar nicht schlecht!

Wir sind nicht schlecht erstaunt, dass am nächsten Tag die Ausstellung der Tickets am Flughafen in Morondava ganz problemlos klappt und wir schon bald in das Flugzeug der Air Madagascar einsteigen können. Flugzeug ist vielleicht etwas übertrieben... Eine Twin Otter, eine zwölfplätzige Propellermaschine, soll uns also auf dem Luftweg nach Tulear bringen. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, keine flaues Gefühl in der Magengegend zu verspüren und Philippe reibt sich neben mir auch bereits seine schweissnassen  Hände. Zu meiner unbändigen Freude wird uns vor Abflug mitgeteilt, dass diese Maschine ausnahmsweise nicht direkt nach Tulear fliegt, sondern eine Zwischenlandung in Manja vorgesehen ist. Vielen Dank...! Aber es gibt kein Zurück mehr. Zum Glück ist Marc neben mir die Ruhe in Person und findet diesen Flug einfach nur wahnsinnig spannend. Als wir ins Flugzeug einsteigen, stehen etwa zwanzig Gepäckstücke auf dem Rollfeld, und jeder Passagier muss seinen Rucksack identifizieren. Bei solch rigiden Sicherheitsvor-kehrungen kann ja nichts mehr schief gehen...  Und wir überleben den Flug dann auch tatsächlich – nur: eine wirkliche Freude finde ich es beim besten Willen nicht. Obwohl das Wetter wahrscheinlich ziemlich ideal für den Flug ist, wird eine so kleine Maschine um ein Vielfaches rasanter in der Luft herumgewirbelt als ich das je zuvor in den grossen Flugzeugen erlebt habe. Und die Zwischenlandung auf dem „Internationalen Flughafen von Manja“ ist ein Kapitel für sich. Als das Flugzeug zur Zwischenlandung ansetzt und ziemlich zielstrebig Richtung Boden steuert, suchen Marc und ich vergeblich eine Landepiste. Als wir dann Radspuren und einen Windsack mitten auf einem Grasfeld entdecken, vermuten wir, dass in nächster Nähe wohl keine betonierte Rollbahn mehr aufzutreiben ist und nehmen gottergeben das Gehüpfe und Gerumpel der Maschine hin. Immerhin verfügt der Flughafen in Manja dann doch noch über ein Flughafengebäude – es gleicht einem Unterstand einer Postautohaltestelle im Oberwallis, die seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr bedient wird. Wir landen dann aber schliesslich doch in Tulear, und Philippe, der bei jedem Luftloch nervös zusammen-gezuckt ist und sich an den Vordersitz gekrallt hat, streicht den 13. November 2001 wohl als schwärzesten Tag seines Lebens im Kalender an.

Tulear ist eine etwas staubige Stadt, aber wir beziehen ein sehr schönes Hotel und ich genehmige mir ein köstliches Käsesandwich als Kompensation für den Flugschreck. Am Abend verabschieden wir uns von Philippe und Philippe, die noch ein paar Tage Strandurlaub in Ifaty geniessen möchten. Uns drängt es in diesem Land weniger zu Sandstrand und Badetuch – sogar Marc verzichtet ganz freiwillig und ohne unterschwellige Suggestionen meinerseits. Wir wollen weiter zum Isalo-Gebirge.

Der Minibus fährt am nächsten Morgen auch tatsächlich beinahe pünktlich los (wobei nach zwei Wochen Madagaskar auch noch eine Stunde Verspätung „pünktlich“ ist). Natürlich stoppt der Bus jeweils schon nach ein paar Metern um zuerst einmal zu tanken. Einen wirklich einleuchtenden Grund dafür, dass die Taxi-Brousses nicht schon vollgetankt an der Haltestelle warten, haben wir bis ans Ende der Reise nicht gefunden. Sie tanken dann auch wirklich exakt nur gerade so viel, dass es knapp bis ans Zielort reicht. Manchmal muss auch kurz vor dem Ziel noch 2.5 Liter nachgetankt werden. Vielleicht sind die Benzinschläuche schon so spröde und leck, dass der Verlust bei zu früh eingefülltem Benzin einfach zu gross wäre – oder vielleicht kann der Chauffeur das Benzin erst durch den Erlös der verkauften Fahrkarten berappen. Egal – beim Tanken wird der ganze Bus mitsamt den Fahrgästen darin kräftig hin und her geschüttelt, damit sich das Benzin gut verteilt oder so (noch so ein ungelöstes Rätsel) und dann kann es endlich losgehen Richtung Ranohira. Unser Chauffeur ist ein Raser. Vielleicht hätten wir ihm sagen sollen, dass sein Job nicht darin besteht, gegen andere Fahrzeuge Rennen zu fahren. Diese Madagassen ... Camel Trophy und so... Wir sind darum froh als wir mit beiden Beinen, Armen und Kopf ankommen und noch viel mehr froh, als wir auch den ersten aufdringlichen Führer, der gleich beim Aussteigen auf uns zu gerannt kommt, erfolgreich abgeschüttelt haben. Wir leisten uns ein Hotel mit Dusche und Toilette im Zimmer – eine weise Entscheidung... Ein paar Stunden nachdem wir Bekanntschaft mit zwei weltreisenden Kanadiern gemacht haben und sie uns ausführlich von ihren Magen-Darm-Geschichten  erzählt haben, macht sich bei mir mein köstliches Käsesandwich aus Tulear bemerkbar. Das WC im Zimmer wird genutzt – rund um die Uhr.

Mit einer Tablette meine ich am nächsten Tag eine kurze Wanderung zu überstehen. Aber kurz nach dem Start wird mir so übel, dass wir die kurze Wanderung nochmals drastisch verkürzen. Schade, denn das Isalomassiv, ein bizarres Sandsteingebirge, ist wunderschön und die Geschichten, die unser einheimischer Führer zu erzählen weiss, sind wahnsinnig spannend. Als wir am Dorfgefängnis vorbeigehen, erzählt er uns, dass dort immer wieder Zebudiebe eingebunkert werden. Zebudieb ist in der Gegend von Ranohira ein höchst ehrenvoller Beruf und wenn ein junger Mann auf dem Heiratsmarkt überhaupt nur die geringste Chance haben möchte, so muss er seinen Mut und seine Stärke erst einmal unter Beweis stellen. Einem erwischten Zebudieb winken fünf Jahre schwedische Gardinen. Wir verziehen das Gesicht – das Gebäude sieht nicht gerade so aus, als ob man darin fünf schöne Jahre verbringen könnte. Aber unser Führer winkt ab. Seit ein paar Jahren werden in der Gegend rund um das Isalogebirge Saphire gefunden – und der Polizeikommandant und der Regierungschef und alle, die irgend einen Einfluss auf die Haftdauer haben könnten, lassen sich damit leicht bestechen. Ein richtiger Krimi! Als wir dann hören, dass in diesem Monat im Dorf bereits fünf Menschen wegen Zebus und Saphiren ihr Leben lassen mussten (und wir haben erst Mitte Monat und das Dorf ist nicht gerade riesig), wird es uns doch ein wenig mulmig zu Mute. Vahazas sind aber bisher verschont geblieben und so machen wir uns unbesorgt zu den Wasserfällen auf. Gegen Abend geht es mir dann besser. Als aber Marc in dieser Nacht einen Kampf mit der am Abend eingenommenen Malariaprophylaxe ausficht, beschliessen wir, das Isalo Isalo sein zu lassen und weiter zu reisen.

Wir haben Glück und dürfen am nächsten Morgen ganz komfortabel und gratis mit den Hotelbesitzern nach Ambavalao fahren. Auf dem Weg dorthin erblickt Marc am Strassenrand ein Taxibrousse mit Totalschaden. Unser kurz vor der Pension stehender Chauffeur fährt aber sehr, sehr vorsichtig und setzt uns sicher vor dem Hoteleingang ab. Wir logieren im Hotel der Papierfabrik. Fasziniert beobachten wir, wie mit grossem Aufwand das Papier aus den Blättern des Maulbeerbaumes gefertigt und mit frischen Blüten kunstvoll verziert wird. Das Papier wird dann als Briefpapier, Lampenschirm, Tischset oder Wandschmuck verkauft. Im Hotel treffen wir auch die beiden Kanadier Kate und Cameron wieder. Ihre Stimmung ist jedoch auf dem Nullpunkt. Sie sind einen Tag vor uns in Ambalavao angekommen. Das Taxibrousse, das kurz vor ihnen losgefahren war, ist gegen einen entgegenkommenden Lkw geprallt. Als sie kurze Zeit später beim Unfallort eintrafen, konnten sie nur noch helfen, Wunden zu verbinden und Tote in vorbeifahrende Autos zu laden. Das Ganze hat ihnen verständlicherweise sehr zu schaffen gemacht, und auch uns ist nicht mehr ganz wohl. Wir diskutieren über den Sitzplatz im Taxibrousse mit der potentiell höchsten Überlebenschance. Kate hat gelesen, dass der sicherste Platz zwei Reihen hinter dem Fahrer auf der gegenüberliegenden Seite desselben sein soll. Wir hoffen ganz einfach, dass wir, sowohl in Madagaskar wie auch in der Schweiz, nie in eine Situation kommen werden, in der die Wahl des Sitzplatzes über Tod oder Leben entscheidet.

Das kleine Dorf ist sympathisch. Die Häuser aus der Kolonialzeit sind inzwischen ziemlich verfallen, aber erinnern immer noch fern an eine verlassende Wild-West-Stadt. Wir entdecken sogar ein heruntergekommenes Freibad mit Sprungbrett und Liegewiese. Die Franzosen haben ihr Leben hier wahrscheinlich genossen. Die wenigen Touristen, die wegen des berühmten Papiers hierher kommen, halten sich wahrscheinlich vorwiegend im Hotel und im Zentrum des Dorfes auf. Als wir uns bis zum Dorfrand vorwagen, werden wir gleich zur Wochenattraktion. Überall kommen Menschen aus den Häusern gerannt, überall wird mit den Fingern auf uns gezeigt, überall wird uns ein freundliches „Salama Vahaza – Hallo Fremder“ zugerufen. Ein grosses Rassenbewusstsein ist im ganzen Land nicht von der Hand zu weisen und auch nicht zu umgehen – zu gross sind die Unterschiede, zu unbekannt (glücklicherweise) noch die weissen Gesichter. Doch nirgends auf unserer ganzen Reise hätte dieses Bewusstsein in Rassismus umgeschlagen. Das Verhalten der Menschen ist stark von freundlicher Neugierde statt von Diskriminierung geprägt. Wir könnten uns eine Scheibe davon abschneiden... Trotzdem muss ich unterwegs immer wieder lachen, wenn ich daran denke, dass sich Marc kurz vor der Abreise noch überlegt hat, einen anderen Rucksack zu kaufen, der ein „bisschen weniger touristisch aussieht“.  Sich in diesem Land nicht als Tourist outen zu wollen, ist ein aussichtsloses Unterfangen.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker schon vor sechs Uhr, damit wir rechtzeitig ein Taxi-Brousse nach Fianarantsoa erwischen. Wir warten dann doch bis neun Uhr an der Station. Aber langweilig wird einem beim Warten nie. Für Unterhaltung sorgt an diesem Morgen ein älterer Mann mit Alkohlfahne, der unbedingt 500 Fmg für Kautabak von uns haben möchte. Ich versuche ihm zu erklären, dass Tabak nicht gut für ihn sei und er davon krank werden würde. Er scheint es, wie erwartet, kaum zu verstehen und die wartenden Passagiere amüsieren sich köstlich über meine merkwürdigen Ausführungen. Bevor der Kautabäkler schlagende Argumente für seine Sucht findet, drängt der Chauffeur zum Aufbruch. Wir sitzen neben dem Fahrer und sind wild entschlossen, sollte er sich als potentieller Raser herausstellen, rigoros einzugreifen. Aber unser Fahrer ist eher eine potentielle lahme Ente – uns ist es an diesem Tag sehr recht. Wir fahren an kunstvoll angelegten, tiefgrünen Reisterrassen vorbei nach Fianarantsoa. Dort angekommen sind wir uns nicht einig, ob wir sofort weiter zum Nationalpark von Ranomafana fahren oder ob wir eine Nacht in Fianarantsoa verbringen wollen. Wir fahren zu einem Hotel, das uns von zwei Australiern dringendst empfohlen worden ist. Leider ist es schon ausgebucht. Wir reservieren für den Montag und beschliessen, in diesem Fall doch weiter zu fahren. Marc ist nicht sehr glücklich darüber, dass wir das Hotel bereits bezahlt haben und darum auf diesen Montag festgelegt sind. Irgendwie hat er Recht, aber schlimmstenfalls lassen wir das Geld halt sausen. Um zehn Uhr sind wir wieder an der Taxibrousse-Station und lassen uns versichern, dass um elf Uhr dreissig ein Taxibrousse nach Ranomafana fahren würde. Wir gehen also kurz in die Stadt und stehen pünktlich um halb zwölf wieder an der Station. Um zwei Uhr Nachmittags fragt Marc den Chauffeur, wieviel Passagiere denn noch fehlen würden bis das Taxi losfahre. Der Chauffeur, ein geschäftstüchtiger junger Mann, sagt, dass noch sieben Fahrgäste fehlen und fragt im gleichen Atemzug, ob wir die Tickets nicht kaufen wollen, um sofort losfahren zu können. Sieben Personen! Wir zweifeln daran, dass sich diese Menschen überhaupt noch heute auftreiben lassen würden. Um drei Uhr bieten wir dem Chauffeur an, nochmals zwei Tickets zu kaufen, wenn wir wirklich sofort losfahren würden. Er willigt nach längerer Rechnerei ein, wir bezahlen, er verschwindet. Als wir ihn endlich finden, kann er nicht mehr länger warten. Endlich geht es los. Bis zur Tankstelle. Tanken. Dann wieder zurück zur Taxibrousse-Station. Dann nochmals zur gleichen Tankstelle. Wir bräuchten jetzt dringend einen Box-Sack... Der Benzinkanister wird für den Notfall gefüllt und neben die Gasflasche geladen. Zusätzlich bekommen wir Gesellschaft von etwa hundert Kisten und eben so vielen Passagieren. Noch nie zuvor hatten wir in einem Taxibrousse so wenig Platz wie auf der Fahrt nach Ranomafana, als stolze Besitzer von vier Tickets. Macht alles nichts. Die Fahrt ist amüsant und bei Einbruch der Dunkelheit werden wir am Parkeingang des Nationalparks abgeladen. Wir sind sehr gespannt auf unseren ersten madagassischen Nationalpark. Und wir sind gleich am ersten Abend begeistert. Beim Nachtessen landen auf der Hotelveranda handgrosse Riesenfalter, Gottesanbeterinnen, schwarze Hirschkäfer, Falter die einem Laubblatt zum Verwechseln ähnlich sehen, Käfer mit komischen Hörnern auf der Nase. Ein so spannendes Abendessen haben wir schon lange nicht mehr genossen!

Warten auf ein Taxi-Brousse nach Ranomafana

 Wir sind am nächsten Tag schon sehr früh am Parkeingang und wählen eine nette Frau als Führerin. Mit ihr entdecken wir auf einer vierstündigen Wanderung durch den Park eine sich sonnende Boa, herumturnende Braunlemuren, Bambuslemuren und zwei selig schlafende Makis. Am Nachmittag wandern wir zwei Stunden bis ins Dorf von Ranomafana, genehmigen uns dort ein „Sandwich à omelette“, erklären es definitiv zu unserer kulinarischen Neuentdeckung und schauen zu, dass wir rechtzeitig zur Nachtwanderung wieder am Parkeingang stehen. Der nächtliche Ausflug ist einerseits sehr interessant und andererseits eine Enttäuschung. Die nachtaktiven Mausmakis, die kleinste Lemurenart, die nur etwa fünfzig Gramm wiegt, und der Fossa, ein Nachttier, das an einen Fuchs oder eine Wildkatze erinnert, werden von den Führern mit Fleisch und Bananen angelockt. Bereit für die Vorstellung stehen dann jeweils etwa zwanzig Touristen in Reih und Glied, die Kamera im Anschlag. Welch ein Unterschied zum heutigen Morgen, als wir uns durchs Dickicht gekämpft haben und uns fast nicht zu bewegen getrauten, wenn wir hoch oben in den Baumwipfeln eine Lemurenfamilie entdeckten. Trotzdem gibt einem die nächtliche Fütterung natürlich die Chance, die Tiere ganz aus der Nähe betrachten zu können. Wir warten am Fütterungsplatz bis die andern Touristen und die Führer gegangen sind und geniessen die putzigen Tierchen noch ein wenig für uns alleine. Als es aber definitiv dunkel wird, bekomme ich Angst, ohne Führer nicht mehr aus dem Wald herauszufinden. Und so folgen wir dem gleichen Weg zurück, den wir gekommen sind. Marc wäre gerne noch ein wenig weiter auf Entdeckungstour gegangen. Als wir aber auf dem Rückweg auf eine amerikanische Gruppe mit ihrem kompetenten Führer stossen, sind die Wünsche von uns beiden erfüllt. Mit der Gruppe zusammen entdecken wir unter anderem das weltweit kleinste Chamäleon „Brookesia minima“, das nicht grösser als ein Daumen ist  - „oh my God – it’s amazing!“. Wir lassen unserer amerikanischen Freunde ziehen und geniessen beim Parkausgang ganz im Stillen den Anblick von Dutzenden von Glühwürmchen, die durch die dunkle Nacht schwirren. 

Als wir zur Gite zurückkehren, treffen wir dort auch wieder die beiden Kanadier Kate und Cameron. Ausserdem unterhalten wir uns mit zwei Männern aus Deutschland, die uns für morgen eine Mitfahrgelegenheit zurück nach Fianarantsoa anbieten. Wir geniessen diesen letzten Abend auf der gemütlichen Veranda sehr und kriechen dann müde in unsere Doppelstockbetten.

Am nächsten Morgen stehen wir schon früh an der Strasse. Um neun Uhr tauchen die beiden Deutschen auf, und unsere Mitfahrgelegenheit fällt in doppelter Weise ins Wasser. Erstens hat ihr Fahrer über Nacht ein viel kleineres Auto organisiert. Wir hätten mit unserem Gepäck nur bei erheblichem Gequetsche Platz. Das erhebliche Gequetsche ist dann aber wegen einem anderen erheblichen Faktor nicht gerade angesagt: das Hähnchen, das die  beiden Männer gestern gegessen haben, war nicht aus der Delikatessa von Globus und die Armen haben die ganze Nacht auf der Toilette verbracht. Der Eine kann sich kaum noch auf den Beinen halten und erbricht fortlaufend. Wir wünschen ihnen viel Glück und fragen uns, wie sie die dreistündige Holperfahrt überstehen werden. Wir sind froh, kein Hähnchen gegessen zu haben und machen uns daran, eine andere Mitfahrgelegenheit zu suchen indem wir uns an den Strassenrand stellen, um vorbeikommende Autos anzuhalten. Das ist aber gar nicht so einfach. Immerhin sind wir lernfähig: Nach über einer Stunde haben wir die Anhaltetechnik (energisches Winken) ganz gut drauf. Leider kommt diese nicht all zu oft zur Anwendung. Die wenigen Fahrzeuge, die vorbeikommen, fahren alle Richtung Tana, und so schnell zurück in die Hauptstadt wollen wir nun doch nicht. Nach ein paar Stunden hält ein Monstrum von einem Bananentransporter vor uns, der uns nach Fianarantsoa mitnehmen will. Wir bezahlen ihm dafür etwa den gleichen Preis, den wir auch für das Taxi-Brousse hätten bezahlen müssen. Als wir unsere Rucksäcke hinten in den Lastwagen laden, sehen wir, dass dieses Fahrzeug nicht nur eine Unmenge von Bananen, sondern auch eine ganze Schar von Frauen, Männern und Kindern an die Westküste transportiert. Vom Hafen in Manakara an der Ostküste, wo dieser Transport heute Morgen losgefahren ist, bis an sein Ziel Tulear rechnet der Chauffeur gut zwanzig Stunden Fahrzeit. Ich  beobachte nachdenklich eine junge Frau, die mit ihrem kleinen Baby zwischen zwei Bananenkörben auf der Ladefläche hockt. Wir dürfen aber für die kurze Strecke nach Firnarantsoa in der komfortablen Führerkabine Platz nehmen. Da es nicht für alle Platz hat, wird der Co-Chauffeur ausquartiert und hängt sich seitlich an den Lkw. Auch schön... Im Schneckentempo sucht sich der Fahrer einen Weg zwischen den vielen Schlaglöchern hindurch. Nach etwa zwei Stunden geht erstmals ein aufgeregtes Murmeln durch den Lastwagen. Leute auf der Strasse werden nach allfälligen Polizeikontrollen gefragt. Bald darauf stoppt der Lastwagen, unsere Passagiere kraxeln zwischen den Bananenstauden hervor und biegen zu Fuss in einen Feldweg ein, der parallel zur Strasse in die gleiche Richtung führt. Tatsächlich werden wir ein paar hundert Meter weiter von einer Strassenkontrolle angehalten. Unser Chauffeur lächelt den Polizeikommandanten zuckersüss an, wir zeigen unsere Schweizer Pässe und alles ist paletti. Hinter der nächsten Kurve warten wir auf unsere Spaziergänger und fahren bald darauf weiter. Das ganze Szenario wiederholt sich noch mehrere Male. Das Buschtelefon in Madagaskar scheint hervorragend zu funktionieren. Nie werden wir von einer Polizeikontrolle unerwartet überrascht. Wir schätzen, dass unser guter Fahrer schlichtweg keine Bewilligung hat, Personen zu transportieren. Wir lächeln ihm verschwörerisch zu und hoffen, dass diese merkwürdigen Aktionen keinen andern Grund haben. Jedenfalls werden wir sicher in Fianarantsoa abgesetzt und machen uns auf zum bereits reservierten Hotel. Unser Zeitplan ist aufgegangen, der Rezeptionist kann sich noch an unsere Reservation erinnern und wir beziehen ein Luxuszimmer. Irgendwie hat mir der einfache Schlafsaal in der Gite von Ranomafana besser gefallen als dieses noble Hotel, wo man das Gefühl hat, jeder Angestellte lächelt nur  für ein Trinkgeld. Die Herzlichkeit und Fröhlichkeit der Madagassen war an andern Orten besser zu spüren. Vielleicht ist es aber auch nur das schlechte Gewissen, in einem Hotel mit europäischem Standard abzusteigen, während andere vor der Hotelpforte hungern. Als ich zum Fenster hinaus schaue, sitzt auf der Strasse ein bettelnder Mann mit zwei kleinen Kindern. Er entdeckt mich und deutet mir, dass seine Kinder nichts zu essen hätten. Ich fühle mich grässlich, wie ich da im obersten Stock eines schönen Hotels stehe und auf diese Armut hinab schaue. Wir kaufen dem Mann später zwei Brote und er fällt vor Dankbarkeit fast auf die Knie. Meine Laune war schon besser.

Am Nachmittag erkundigen wir die Haute-Ville von Fianarantsoa. Und als wir den Hügel hinauf steigen und die schönen Kolonialbauten bewundern, beschleicht mich wieder dasselbe Gefühl: die Reichen in ihren schönen Häusern der Haute-Ville, die auf den Dreck und die Armut der Basse-Ville hinab schauen. Wenn die Welt eine Stadt wie Fianarantsoa wäre, dann würden wir Schweizer wohl am höchsten Punkt der Haute-Ville wohnen – dort wo man die ganze Armut und den ganzen Morast überblickt. Aber wir schliessen die Augen. Ich weiss, dass ich einfach nur dankbar sein kann, in der Schweiz wohnen zu dürfen und ich weiss, dass es niemandem helfen würde, wenn ich mich in einem Karton an den Strassenrand legen würde. Aber manchmal schaffe ich es einfach nicht. Manchmal kann ich einfach nur ganz, ganz schlecht mit diesem grossen Problem der ungleichen Verteilung und der Tatsache, dass auch ich es nicht lösen werde, umgehen. Zudem zerrt an diesem Nachmittag eine Schar Knaben ernsthaft an unsern Nerven. Die kleinen Buben haben sich zu Fremdenführern ernannt und verfolgen uns, in der Hoffnung auf ein Trinkgeld für ihre Dienste, auf Schritt und Tritt. Wir erinnern uns an eine ähnliche Situation in Vietnam und versuchen ihnen in aller Deutlichkeit klar zu machen, dass wir lieber alleine unterwegs wären. Es nützt alles nichts. Wir hätten sie an den nächsten Baum fesseln müssen, um sie loszuwerden. Auswüchse des Tourismus.

Nicht nur meine gute Laune leidet an diesem Tag, auch die Harmonie in der Beziehung zu Marc ist nicht gerade auf dem Höhepunkt. Marc spricht die Situation glücklicherweise beim Abendessen an und wir reden lange darüber. Obwohl wir beide dieses Land phantastisch finden, ist so eine Reise nicht ohne Schwierigkeiten. Abgesehen davon, dass man vierundzwanzig Stunden am Tag sehr intensiv zusammen lebt, Entscheidungen fällen und  Kompromisse eingehen muss, steht jeder Einzelne vor der grossen Aufgabe, all diese Eindrücke für sich selbst auf die Reihe zu kriegen und sie an einem Ort einzuordnen, wo man sie ertragen kann. Mir ist das an diesem Tag nicht recht gelungen und ich spüre wieder einmal deutlich, dass die wichtigste Voraussetzung für zwischenmenschliche Beziehungen ganz allgemein wohl darin besteht, dass man mit sich selbst im Lot ist. Das Gespräch an diesem Abend hilft mir sehr. Ich kann mit mir selber wieder Frieden schliessen und merke, wie viel näher ich dadurch auch wieder Marc bin. Ich bin sehr froh, mit ihm unterwegs zu sein und mit ihm alles teilen zu dürfen.

Als wir tags darauf den Weg zur Taxi-Brousse-Station einschlagen, hoffen wir sehr, dass wir heute nicht ganz so lange auf unsere Fahrgelegenheit warten müssen wie das letzte Mal. Die Station kennen wir unterdessen nämlich auswendig. Unsere Befürchtungen sind unbegründet. Schon als wir in der Nähe der wartenden Taxi-Brousses auftauchen, reissen uns die ersten Chauffeure bereits die Rucksäcke vom Rücken. Wie zwei alte Profis wählen wir ein bereits gut besetztes Fahrzeug und fahren – halleluja – auch gleich los. Es geht Richtung Abositra.

An der Taxi-Brousse-Station

von Fianarantsoa

Die Fahrt dauert nicht sehr lange. Wir haben die Zutaten für unser gewohntes Frühstück gekauft und quetschen im Taxi-Brousse eine Banane in ein ausgehöhltes Baguette –  uns schmeckt dieses Früchte-Hot-Dog so gut wie Zuhause der Sonntagszopf. Kaum haben wir unseren „Brunch“ beendet, kommen wir auch schon in Ambositra an. Wir nehmen unsere Rucksäcke vom Fahrzeugdach und machen uns zielstrebig auf die Suche nach dem Hotel, das unser Reiseführer empfiehlt. Wir haben jedoch noch nicht den halben Weg dorthin zurück gelegt, als uns zwei Touristen sagen, sie seien auch heute erst angekommen, würden jetzt aber direkt weiter nach  Antsirabe fahren: alle Hotels der Stadt seien ausgebucht. Oh du fröhliche... Wir verstehen die Welt nicht mehr. Wir kommen dem Geheimnis jedoch rasch auf die Spur: der Staatspräsident hat für morgen seinen Besuch in Ambositra angekündigt. Wir haben ihn ja nicht persönlich eingeladen, aber unser Hotelproblem löst sich dadurch auch nicht. Doch wir haben Glück und finden ein nicht gerade luxuriöses aber doch akzeptables Zimmer mitten im Zentrum. Und als wir dann noch entdecken, dass die Dusche im Gang tatsächlich warmes Wasser spendet, kennt unsere Freude keine Grenzen mehr.

Der heutige Tag steht ganz im Zeichen des Shoppings. Ambositra ist bekannt für seine kunstvollen Holzschnitzereien. Und so reiht sich dann auch Laden an Laden. Man findet alles: hölzerne Kugelschreiber, Holzstatuen, Holzmasken, Holzstühle,  Holzkästchen, Holzautos, Holzteller...alles. Jeder Verkäufer verkauft bessere Qualität als der Laden nebenan, jede (teurere) Statue hat eine vollendetere „finissage“ als die vorherige (preiswertere). Nach so anstrengendem Einkaufen und Handeln gönnen wir uns im „Grand Hôtel d’Ambositra“ ein „Sandwich à omelette“, neben dem Bananen-Hot-Dog zum Frühstück unsere Leibspeise am Mittag. Das Sandwich ist dann allerdings so riesig, fettig und unknusprig, dass wir uns schwören, dass es das letzte Sandwich à omelette dieser Reise war. Marc hält sich genau drei Tage an diesen Vorsatz. Vorerst ist ihm allerdings schlecht von diesem „mindestens-10-Eier-Fladen“. Und nachdem wir auch noch vergebens die Käseproduktion der Benediktinermönche gesucht haben, kehren wir ins Hotel zurück, um uns zu erholen. Abends unterhalten wir uns mit einem Pärchen aus Frankreich, das mit seinem Führer im Hoteleingang sitzt. Sie werden noch etwa zehn Tage in Madagaskar verbringen, möchten unbedingt das Isalogebirge, den Nationalpark in Ranomafana und Tulear besuchen und die Flussfahrt nach Belo und die Bahnfahrt nach Manakara machen. Ausserdem wollen sie am Ende ihrer Ferien noch rasch auf die Ile Ste. Marie im Nordwesten fliegen, um sich ein wenig zu erholen. Kurz zusammengefasst, planen sie etwa doppelt so viele „Highlights“ wie wir im ganzen Monat. Ihr Führer macht ihnen dazu völlig unsystematische Vorschläge. Es ist ihre Art zu reisen, nicht unsere. Aber es beschleicht mich das leise Gefühl, dass sie bei dieser „Hetzjagd“ ihr eigentliches Reiseziel verpassen: Madagaskar und seine Menschen werden sie auf diese Weise nicht kennenlernen – mora mora...

Wir beschliessen, ein Dorf der Zafimaniry aufzusuchen. Ihr Siedlungsgebiet liegt im Regenwald, südöstlich von Ambositra. Die Dörfer sind weit verstreut und meist nur, mehr oder weniger mühsam, zu Fuss zu erreichen. Bekannt ist der Volksstamm vor allem für seine Holzschnitzkunst. Die Türen und Wände ihrer Holzhütten sollen reich verziert sein.

Wir stehen also um sechs Uhr morgens an der Taxi-Brousse-Station und suchen ein Auto, das uns nach Antoetra mitnimmt. An diesem Mittwoch ist das kein all zu schweres Unterfangen, weil im Dorf der wöchentliche Markt stattfindet. Zwei Stunden holpern wir über Schotterwege. Wir frieren, weil sich der Morgennebel nicht wie in der Ebene verzieht, sondern eisig in den Bergen festhängt. Die Scheiben des Autos lassen sich natürlich auch nicht hoch kurbeln, und so bibbern wir, in unsere Regenjacken gehüllt, die ganze Fahrt vor uns hin. In Antoetra stellen wir fest, dass die Bevölkerung, so abgelegen dieses Dorf auch ist, den spärlichen Tourismus sehr gut zu nutzen weiss. Zuerst werden wir zum Bürgermeister geführt, der uns sehr formell in seinem Dorf willkommen heisst und dann aber gleich auch „Eintrittsgebühren“ für den Ort verlangt. Die Gebühren betragen „soviel wie wir für richtig und gut befänden, wie es unseren Möglichkeiten entspräche – aber mindestens 10 000 Fmg.“ Wir beschliessen, dass 10 000 Fmg so ziemlich genau unseren Möglichkeiten entspricht. Kaum sind wir dem Bürgermeister entronnen, stellt sich die nächste schwierige Aufgabe ab diesem Tag: wir brauchen einen Führer, der uns in eines der Zafimaniry-Dörfer bringt. Die Jugendlichen aus dem Dorf gleichen der Mafia. Sie nennen für die vierstündige Wanderung einen völlig überhöhten Preis. Da wir uns zuvor in Ambositra erkundigt haben, wissen wir aber ziemlich genau, was wir einem Führer zu bezahlen haben. Nach mühsamen Diskussionen sagen sie uns, dass unsere Preisvorstellung höchstens für einen kleinen Knaben reichen würde, der nur sehr schlecht französisch spräche. Uns ist das völlig egal. Wir brauchen keinen Neunmalklugen, sondern jemanden, der den Weg kennt. Marcellié, zwölf Jahre alt, kennt den Weg sehr genau und hat eine Kondition, die uns alt aussehen lässt. Da nützen auch meine neuen Raichle-Wanderschuhe nichts – gegen den barfüssigen Jungen, der wie ein junges Reh von Stein zu Stein hüpft, habe ich keine Chance. Die Wanderung führt uns über mehrere Hügelzüge und durch einmalige Landschaften. Wir kreuzen immer wieder Menschengruppen, die schwere Stühle und Tische, Hühner und Reissäcke nach Antoetra zum Markt tragen. Nach zwei Stunden entdecken wir in einem Talkessel das kleine Dorf Ifasina. Die bescheidenen Holzhütten sind malerisch in Reisfelder verschiedenster Grüntöne eingebettet, aber die Einsamkeit und Abgelegenheit eines bündnerischen Bergdorfes ist nichts gegen die Lage dieses Zafimaniry-Dorfes – und es ist das Dorf, das für Touristen weitaus am einfachsten zu erreichen ist!

Unser kleiner Führer Marcellié

Zuerst werden wir in die Hütte des Dorfältesten geführt. Er spricht kein Französisch, aber Marcellié übersetzt mit seinen spärlichen Kenntnissen. Wir bezahlen dem Dorf wiederum 10 000 Fmg „Kurtaxen“ und ich übergebe dem alten Mann zwei Schreibtafeln und ein paar Bleistifte für die Dorfschule. Er schweigt darauf lange und spricht dann seinen Dank aus. Dieser Mann strahlt eine immense Autorität aus. In der Holzhütte des Dorfältesten, deren Wände vom Rauch des offenen Feuers schwarz gefärbt sind, umringt von in Lumpen gehüllten Kindern fühlen wir uns um Jahrhunderte zurück versetzt. Anschliessend erkunden wir das kleine Dorf. Alles hier ist sehr ärmlich – darüber können auch die wirklich schönen geschnitzten Ornamente an den Hauswänden nicht hinweg täuschen. Während sich die erwachsenen Dorfbewohner bei unserem Anblick eher scheu in die Häuser zurückziehen, sind wir während unserem Besuch dauernd von neugierigen Kindern umringt. Viele von ihnen haben einen rot verschmierten Mund. Statt sich wie die Kinder in der Schweiz am Kiosk Gummibärchen zu kaufen, schlecken die Kinder in Ifasina nämlich Brombeeren. Sie füllen die Früchte in einen hölzernen Mörser, zerdrücken sie mit einem Holzstab zur dunkelroten Sauce und schlecken dann genussvoll und schmatzend an diesem Stab. Die paar Holzhütten und das einzige steinerne Gebäude, das gleichzeitig Versammlungsraum, Kirche und Schule ist, haben wir bald betrachtet, und wir verabschieden uns winkend von den Kindern. Marcellié schreitet auf dem Rückweg nicht minder rasch voran und während wir uns die Hügel hoch kämpfen, findet er noch Zeit, mit seinem Stock Grillen vom Baum zu schlagen und sie in seinen Hosensack zu stecken. Ab und zu zirpt es laut und energisch aus seiner Hose... Vor dem Abstieg, hinunter nach Antoetra, geben wir ihm seinen Lohn, ein Schreibheft und ein paar Stifte, über die er sich sehr freut, und lassen ihn ziehen. Wir wollen uns noch ein wenig in die Sonne setzen und die herrliche Aussicht über das Tal geniessen.

 

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Kinder im Zafimaniry-Dorf Ifasina

Als wir um zwei Uhr Nachmittags wieder an unserem Ausgangspunkt anlangen, erkennen wir das Dorf fast nicht wieder. Der Markttag hat seinen Höhepunkt erreicht. Auf der schmalen Dorfstrassen drängeln sich nun die Leute dicht an dicht zwischen den Ständen hindurch. Unsere Interessen zielen hingegen eher darauf hin, ein Taxi-Brousse für die Rückfahrt zu organisieren. Diejenigen Taxis, die in absehbarer Zeit zurück nach Ambositra fahren, sind jedoch schon alle ausgebucht. Die anderen Fahrzeuge, die noch freie Plätze haben, warten bis der Markt um halb fünf zu Ende ist und fahren erst dann. Amen. Unterdessen brennt die Sonne heiss und wir haben nicht sonderlich Lust, über zwei Stunden in diesem staubigen Dorf zu warten. Es gibt hier keinen Laden, wo man etwas zu trinken kaufen, keinen Schatten, wo man sich hinsetzen könnte. Also positionieren wir uns vor dem Gemeindehaus und hoffen, dass die Zeit schnell vorbei geht. Nicht gerade förderlich dafür sind die beiden Kinder, die unbedingt meine Haarspangen, die ich an diesem Tag im Haar trage, haben wollen und nach mehrmaligem „Non, ce sont les miennes“ einfach versuchen, sie mir aus dem Haar zu reissen. Erst nachdem Marc ihnen sagt, sie seien kleine Diebe, machen sie sich aus dem Staub. Bald darauf fährt ein Auto auf den Dorfplatz, das uns bekannt vorkommt. Es ist der junge Fahrer, der uns am Morgen hierher gebracht hat. Marc rennt schnell zu ihm und schafft es, einen Platz für uns zu reservieren. Super! Ausser uns quetschen sich noch ein Militärmensch mit Gewehr, ein Lehrer, drei Jungs, ein Mädchen und ein Huhn in den Peugeot. Die Taschen werden in den Kofferraum verfrachtet und los geht’s. Nach einer halben Stunde Fahrt, während der wir immer wieder die deutschen und englischen Sprachkünste des Lehrers bewundern müssen, merkt unser Fahrer, dass der Kofferraum wohl nicht richtig geschlossen ist. Die Tasche des Offiziers fehlt. Sehr gut. Wir fahren also nochmals zurück und fragen jedes entgegenkommende Auto nach der Tasche. Niemand hat sie gesehen. Eine halbe Stunde später stehen wir wieder im Marktgetümmel – und haben die Tasche immer noch nicht. Unterdessen ist der Markt zu Ende und all die andern Fahrzeuge machen sich ebenfalls auf den Weg nach Ambositra. Wir schliessen uns also der Autokolonne an und versuchen es noch einmal mit der Rückfahrt. Der Militärfritz kann nicht begreifen, warum wir seine Tasche nicht am Strassenrand entdecken. Marc und ich sind, obwohl wir schon oft die madagassische Ehrlichkeit erleben durften, überzeugt, dass in so einem armen Land durchaus die Möglichkeit besteht, dass jemand die Tasche mitgenommen hat. Wäre ja doof, eine verlorene Tasche einfach am Wegrand liegen zu lassen. Nach weiteren zwei Stunden und bei Anbruch der Dämmerung wähnen wir uns schon ganz in der Nähe von Ambositra, als das Auto plötzlich stehen bleibt – kein Benzin mehr. Unser Chauffeur, der ganz nach madagassischer Sitte nur gerade so viel getankt hat, dass es für den Weg reicht, konnte ja nicht ahnen, dass der Kofferraum nicht richtig schliessen würde, dass die Tasche des Militärmenschen hinaus... egal. Wir warten. Wir warten lange. Endlich bringt ein anders Auto unseren Fahrer samt vollem Benzinkanister zurück und wir schaffen die letzten zehn Minuten bis zum Dorf. Wir sind froh, wieder im Hotel zu sein, und als sich unser Magen dann noch mit einem phantastischen „Mi sao“ füllt, sind wir rundum glücklich. Der Tag war anstrengend, aber sehr eindrücklich. 

Der letzten Tag in Abositra beginnt mit einem merkwürdigen Gefühl. Erstens werden wir heute zurück nach Antsirabe fahren, dort wo unsere Flusstour ganz zu Beginn der Reise ihren Anfang nahm, und zweitens werden wir bereits in einer Woche wieder in Zürich landen. Während man sich in einem solchen Land die erste Zeit eher unbeholfen, überfordert und sehr fremd fühlt, wird es nach und nach zu einer Art Zuhause. Man ist vertraut. Vertraut mit den Menschen, vertraut mit den Bildern, vertraut mit unübersichtlichen Taxi-Brousse-Stationen, vertraut mit hartnäckigen Händlern, vertraut mit „Vahaza“-schreienden Kindern. Und obwohl wir uns sehr auf die Schweiz, unsere Familie und unsere Freunde freuen, wird es auch traurig sein, all dies zu verlassen. Aber vorerst geniessen wir es noch, schleppen unsere immer schwerer werdenden Rucksäcke zur Taxi-Brousse-Station und erkundigen uns nach einem Fahrzeug nach Antsirabe. Da wir am Tag zuvor keine Zeit und keine Lust mehr hatten, Holzstatuen als Souvenir zu kaufen, beschliessen wir, dass Marc auf das Gepäck aufpasst und ich nochmals ins Dorf zurückkehre, um die Statuen zu holen. Marc versichert mir, ich solle mir Zeit lassen, und ich hoffe, dass er die Zeit gut übersteht. Taxi-Brousse-Stationen sind nicht die angenehmsten Orte der Welt, um Stunden zu verbringen – zu viele Chauffeure, zu viele Händler, zu viel Sonne, zu wenig Schatten, zu viel Dreck.

Als erstes wage ich mich direkt in die Höhle des Löwen, in einen Laden, den wir bereits am ersten Tag besucht haben und der eine wunderschöne Statue einer Frau mit einem Kind an der Hand, aber auch einen ziemlichen Drachen von Besitzerin beherbergt. Die Statue ist mit einem Preis von 160 000 Fmg angeschrieben. Als ich der Verkäuferin sage, dass ich ihr nicht mehr als 50 000 Fmg bezahlen kann, beginnt sie, meinen Rucksack zu durchsuchen und nach Dingen zu fahnden, die ich als „supplément“ zu den 50 000 Fmg dazu legen könnte. Sie wird dann auch fündig und ist bereit, mir die Statue für 50 000 Fmg plus meiner Goretex-Jacke zu überlassen. Ich wage nicht auszurechnen, was meine heiss geliebte Jacke in der madagassischen Währung kosten würde und schüttle den Kopf. Sie gibt aber nicht auf und bietet mir am Schluss sogar ein komplettes Schachspiel mit Figuren an. Aber meine Jacke gehört mir. Ich sage ihr, dass 60 000 Fmg mein letztes Angebot sei, und als sie darauf die Hände zum Himmel wirft, verlasse ich den Laden. So schlecht scheint mein Angebot aber doch nicht gewesen zu sein. Kaum bin ich wieder auf der Strasse, höre ich ihre eiligen Schritte und ein lächelndes „vous êtes dure, madame“... da haben sich ja zwei Drachen gefunden...

Nachdem ich noch bei einem anderen Laden vorbei geschaut habe, kehre ich wieder zur Taxi-Brousse-Station zurück. Ich bin glücklich, Marc ist es weniger. Er behauptet, ich sei mindestens zweieinhalb Stunden weg gewesen. Wir einigen uns dann auf eine Stunde. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass an diesem Ort, umringt von aufdringlichen Händlern, sogar zehn Minuten eine Ewigkeit sein können. Marc hat sich unterdessen ein madagassisches Sackmesser erstanden. Ich bezahle das Taxi-Brousse nach Antsirabe und merke erst auf der Fahrt, dass ich dem Chauffeur das Doppelte von dem bezahlt habe, was er eigentlich verlangt hat – er hatte mir den Preis für beide Tickets genannt und ich habe angenommen, es sei der Preis für eine Fahrkarte. Halb so schlimm. Zum Ausgleich steigen wir dann in Antsirabe im günstigen Hotel „Kabary“ ab. Dort waschen wir zum letzten Mal unsere Wäsche und machen uns dann zum Bummel durch das vertraute Städtchen auf. Es ist ein bisschen wie ein Heimkommen. Wir kennen die Strassen, die Hotels, die Restaurants, die Pousse-Pousses. Ich möchte heute unbedingt noch die „Zebu Overseas Bank“ suchen. Das  Projekt unterstützt bedürftige Familien, indem es einen Kredit in Form eines Zebus erteilt. Die Bauern dürfen dann Milch und Kälber behalten, sind dadurch fähig den jährlichen Zins zu begleichen und können das Zebu nach und nach abzahlen, bis es in ihren Besitz übergeht. Schon vor der Zebubank spricht uns eine zierliche Frau an, in Lumpen gehüllt, mit einem Baby auf dem Rücken. Sie fragt nach Geld, Seife, Kleider. Verzweifelt stammelt sie einige Worte in ihrem besten Französisch, das für uns jedoch einem unverständlichen Wörterwirrarr gleichkommt. Wir geben ihr ein paar Münzen und die kleine Hotelseife. Als wir nach einigen informativen Minuten wieder aus der Bank hinaustreten, steht sie noch immer dort. Wir versuchen ihr zu erklären, dass wir nicht mehr für sie tun könnten. Doch sie hat noch ein ganz besonderes Anliegen. Nach zehnminütigem Gestammel finden wir heraus, dass sie ein Passfoto von sich machen lassen will. Ein Passfoto? Die Frau hat allem Anschein nach nichts zu essen, hat zerrissene Kleider und wahrscheinlich, wenn überhaupt, kein sehr schönes Zuhause – und ihr grösstes Anliegen ist ein Passfoto? Wir versuchen, sie nach dem Grund zu fragen und meinen nach einiger Anstrengung zu verstehen, dass sie eine Identitätskarte braucht und dafür ein Foto von sich benötigt. Vermutlich kann man ohne Identitätsausweis keine Arbeit finden oder keine Wohnung mieten. Doch weit gefehlt – sie braucht die Identitätskarte, um am 16. Dezember den Präsidenten wählen zu können. Ähhhh? Wir verstehen gar nichts mehr. Aber unterdessen sind wir am Fotolabor im Zentrum angelangt und Marc erkundigt sich nach den Preisen für ein Passfoto. Wir bezahlen im Laden ihr Foto und sie entschwindet selig strahlend hinter dem grauen Vorhang. Madagaskar hat vierzehn Millionen Einwohner. Der Präsident wird nicht wegen einer Stimme mehr oder weniger gewählt werden. Und hier ist eine Frau, die kaum ihr Kind ernähren kann und ihre grösste Sorge gilt der Präsidentenwahl? Vielleicht haben wir auch falsch verstanden.... bestimmt.

Nach einem defintiv letzten „besten aller Zebusteaks“ im „Zebu philosophe“ gibt es im Kabary ein freudiges Wiedersehen mit Billy. Er hat seit seiner Rückkehr nach Antsirabe mit seiner Malaria das Bett gehütet und ist erst jetzt langsam wieder auf dem Weg der Besserung. Ebenfalls an unserem Tisch sitzt der verdatterte Norweger, mit dem wir bei unserer Ankunft in Tana das Taxi geteilt haben. Er ist unterdessen nicht mehr ganz so verdattert, hat sich auch ohne Französisch die letzten paar Wochen ganz gut durch den Norden geschlagen und wird am gleichen Tag wie wir seinen Rückflug antreten. Wir geniessen diesen Abend mit den bekannten Gesichtern. Billy ist sehr herzlich und erzählt viel. Wir können ihn nach Erklärungen bitten für all die Dinge, die wir seit der Tour mit ihm erlebt und nicht verstanden haben. So fragt Marc nochmals nach dem vermuteten Grund für das Passfoto, das die Frau heute so dringend benötigt hat. Ohne ihm davon etwas erzählt zu haben, ist für Billy die einzig logische Erklärung: die Präsidentenwahl! Er kann auch nicht richtig verstehen, warum uns das komisch anmutet. Wir verzichten darauf, ihm zu erklären, dass wir aus einem Land kommen in dem an einem gewöhnlichen Wahl- und Abstimmungssonntag siebzig Prozent der Stimmzettel bereits in der Altpapiersammlung liegen - und das obwohl jeder Schweizer mindestens zehn Passfotos von sich besitzt...

Letzter Abend im Kabary

Wir verabschieden uns von Billy. Er erzählt uns aufgeregt, dass er im Dezember nach Europa reisen wird. Eine Vahazette aus Marseille hat ihn eingeladen. Er schwebt auf Wolke sieben... Wir haben uns unterdessen schon mehrmals ausgemalt, wie er den Flug, Frankreich, die Franzosen, das kalte Klima und all die vielen Eindrücke erleben wird. Wahrscheinlich wird Europa für ihn noch viel fremder und weiter entfernt sein als für uns Madagaskar.

Mit dem Pousse-Pousse werden wir zum Taxi-Brousse nach Tana gebracht. Obwohl das Fahrzeug schon längst voll ist, werden immer noch neue Passagiere auf die Sitze gequetscht – bis wir uns schliesslich weigern, auch nur noch einen Zentimeter zur Seite zu rücken. Schliesslich haben wir fünf Stunden Fahrt vor uns – und da brauche ich nicht unbedingt einen Achtzig-Kilo-Menschen auf meinem Schoss. Wir schaffen es aber ohne nennenswerte Zwischenfälle zurück in die Hauptstadt, chartern dort ein Taxi und wühlen uns durchs Verkehrschaos zum Hotel. Tana gefällt uns von mal zu mal weniger gut. Es ist einfach zu stickig hier und die Armut nimmt Ausmasse an, die einem hilflos erscheinen lassen. Aber wir wollen sowieso nur eine Nacht hier bleiben, einen Teil des Gepäcks im Hotel deponieren und morgen früh nach Andasibe weiterfahren. Die paar Stunden, die uns an diesem Nachmittag noch bleiben sind schnell vorbei. Wir stürzen uns noch ein wenig in das Marktgetümmel und bestätigen auf dem AirFrance-Büro unsere Tickets. Auf der Strasse lässt sich Marc zum Kauf einer Valiha hinreissen. Die mit Saiten bespannte und mit Schnitzereien verzierte Bambusstange ist ein traditionelles Musikinstrument des Hochlandes. Der Strassenverkäufer ist so verzweifelt, dass von den 170 000 Fmg, die er zuerst nennt, noch 25 000 Fmg übrigbleiben, ohne dass Marc überhaupt handelt. Das einzige Problem ist, dass wir nicht wissen, wie wir das Monstrum transportieren sollen. Aber der Mann hat das Geld scheinbar dringend nötig und so schleppt Marc dieses Riesending einen Tag lang über den Markt. Aber schön ist es...

Am Samstag machen wir uns früh am Morgen auf nach Moramanga („dort wo es viele Mangos gibt“ – und die gibt es dort wirklich) und von dort aus in einem lustigen Klapperbus weiter nach Andasibe. Wir wählen für unseren Ferienabschluss ein sehr schönes Hotel direkt am Eingang zum Périnet-Reservat. Wir entscheiden uns nach einigen Wieviel-Geld-haben-wir-noch- Bedenkminuten sogar für ein Luxus-Bungalow mit Dusche und WC. Da sich bei mir noch am gleichen Tag eine Blasenentzündung anmeldet, sind wir froh über unsere Entscheidung. Das Geld wird wohl reichen, bis wir wieder in Tana und bei einer Bank sind. Am Nachmittag spazieren wir ins zwei Kilometer entfernte Dorf, kaufen Bananen und bewundern das Dorfkino, ein kahler Saal mit vielen Holzschemeln, einem Fernseher und einem Videorecorder. Auf dem Rückweg entdecken wir am Wegrand ein grosses Chamäleon. Marc möchte das Tier auf meinen roten Rucksack verfrachten, damit wir beobachten können, wie es sich verfärbt. Doch auch Chamäleons haben ihren eigenen Willen und der ist einiges stärker als unserer. Spannend zu beobachten sind diese Tiere ohnehin – auf dem Rucksack oder auf dem Ast...

Wir geniessen den Abend mit einem „Punch de Coco“ auf der Veranda, direkt am Ufer des Flusses, der die Hotelanlage vom Nationalpark trennt. Über unseren Köpfen turnen nachtaktive Mausmakis in den Ästen herum. Sie werden jeden Abend vom Hotelpersonal mit Bananen gefüttert und sind unterdessen so zahm, dass man sie sogar streicheln kann. Es ist einer der Gründe, warum wir das Konzept des Périnet-Reservates nicht vollkommen unterstützen können. Da der Nationalpark nahe bei Tana liegt und durch eine gut geteerte Strasse mit der Hauptstadt verbunden ist, wird er zum Pflichtstopp für Pauschaltouristen, die mit Autobusen hingefahren werden und als grosse und dementsprechend laute Gruppen in den Park strömen. Sie alle sind ausgerüstet mit riesigen Kameras und Stativen, um die Hauptattraktion von Périnet möglichst nah ablichten zu können: den Indri. Es ist der grösste aller lebenden Lemuren und wird in diesem Gebiet richtiggehend vermarktet. Später erfahren wir, dass für die Indris auf Kosten der anderen Tiere künstlich Platz geschaffen wird und das Gleichgewicht des Parks schon ziemlich gestört ist.

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Chamäleon

Um fünf Uhr morgens werden wir geweckt – nicht vom Wecker, nicht vom Hahn, sondern von den Indris. Bei Tagesanbruch beginnen sie laute Schreie auszustossen, die das Territorium der einzelnen Lemurenfamilien bezeichnen. Ich finde, es tönt ein wenig wie auf der Geisterbahn, Marc findet, es tönt wie ein Weinen und erfindet auch gleich den poetischen Titel für seine Dia-Show Zuhause: Madagaskar – oder das Weinen der Lemuren. Ob Geisterbahn oder Weinen: jedenfalls finden wir es spannend, im Bett liegen zu können und den Schreien zu lauschen. Unsere Tour an diesem Tag ist nur sehr kurz. Trotzdem können wir hoch oben in den Baumwipfeln eine Lemurenfamilie beobachten. Den Nachmittag verbringen wir gemütlich lesend auf der Veranda unseres Bungalows.

Unser schönes Bungalow  beim Périnet-Reservat

Am nächsten Morgen treffen wir uns schon um halb sieben mit Christian, unserem Führer. Mit ihm werden wir heute acht Stunden durch den Park wandern und sind sehr gespannt, was wir dabei alles entdecken werden. Als erstes machen wir uns auf die Suche nach einer noch schlafenden Lemurenfamilie. Marc hat wirklich ein Auge dafür und entdeckt sie noch vor Christian, nahe der Strasse, in den Baumwipfeln. Wir hocken uns unter einen Baum und beobachten ganz still, wie die vierköpfige Familie langsam erwacht. Dabei geht es ganz ähnlich wie bei uns daheim zu. Die beiden Kinder sind zuerst wach und turnen schon in den Ästen herum. Die Eltern bemerken den Lärm ihrer Youngsters und beginnen sich ebenfalls zu recken und zu strecken. Zuerst machen alle ihr Morgen-Pipi, bevor sie sich genüsslich zum Blätter-Frühstück begeben. Nach der Stärkung beginnt eine rasante Morgengymnastik. Mit grossen Sprüngen schwingen sie sich von Baum zu Baum. Wir folgen ihnen leise und können sie schliesslich direkt von der Strasse aus beobachten. Wir warten auf ihr Schreien, das laut Christian der nächste Punkt in ihrem Programm sein wird. Just in dem Moment, als Marc seinen Minidisc zur Aufnahme präpariert und die Indris wirklich lauthals loslegen, erscheint eine riesige Gruppe von Amerikanern, die nichts besseres zu tun haben, als die Schreie nachzuäffen. Danke. Den Indris und uns verleidet es darauf hin rasch, und wir ziehen uns in den Busch zurück. Es wird ein wunderschöner Tag. Sobald wir uns ein Stück vom Parkeingang entfernt haben, sind wir nur noch zu dritt und geniessen die verschiedenen Geräusche des Urwalds. Wir entdecken Braunlemuren, Boas, Frösche, Riesenmäuse, Milane und unzählige Pflanzenarten. Christian spricht sogar ein wenig Deutsch und weiss sehr viel Interessantes zu erzählen. Als wir am Nachmittag wieder am Parkeingang stehen, sind wir erledigt aber sehr, sehr glücklich, nochmals die Möglichkeit gehabt zu haben, so tief in den Dschungel einzutauchen.

Nun geht es definitiv zurück. Im überfüllten Bus nach Moramanga treffen wir auf einen Schweden, der drei Monate im Land unterwegs war. Er hat auch den Norden besucht, berichtet uns aber, dass unser Entscheid für den Süden wohl der richtige war. In Moramanga deponieren wir das Gepäck vorerst an der Taxi-Brousse-Station und machen uns auf die Suche nach dem Polizei-Museum, das in unserem Reiseführer empfohlen wird. Wir fragen zwei Frauen nach dem Weg, und sie führen uns quer über verschiedene Hinterhöfe zur Polizeistation. Der Eintrittspreis für das Museum beträgt das Doppelte des Betrages, der im Reiseführer von 2001 aufgelistet ist. Und da der Museumschef, ein Franzose, wirklich lustig drauf ist, beginnen wir, ihn damit aufzuziehen. Weil wir kein Geld zurück wechseln können, sind wir an diesen letzten Tagen wirklich ziemlich am rechnen und einigen uns mit dem Franzosen lachend darauf, dass wir nur die Hälfte des Eintritts bezahlen, wenn wir uns während des Besuchs ein Auge zuhalten. Das Museum ist wirklich interessant, und wir finden sogar Fotos und Abzeichen von Polizisten aus der Schweiz.

Im Taxi-Brousse nach Tana treffen wir wieder einmal auf Kate. Cameron erwartet sie bereits in der Stadt, weil er dort Probleme mit einem Reiseveranstalter zu lösen versucht. Litschi-kauend fahren wir ein letztes Mal Richtung Antananarivo. Das Gepäck wurde von unserem Hotel sicher verwahrt und so haben wir noch genügend Zeit, ein wenig herum zu schlendern. Als wir die Treppe zum Zoma, dem grossen Markt, hinabsteigen, fallen uns die unzähligen bettelnden Kinder auf. Sie tun uns leid und wir beschliessen, auf dem Markt ein paar Brote zu kaufen. Marc bezahlt, steckt seine Brieftasche wieder in die Hose, will den Reisverschluss der Hosentasche schliessen – und weg ist das Geld. Wir haben keine Chance. Marc kann sich nur noch schwach an einen kleinen Jungen im gelben T-shirt erinnern, der sogleich unter den Marktständen verschwunden ist. Das Gedränge ist zu gross. Wir hoffen, dass der Junge das Geld wirklich gebrauchen kann. Da es unser zweitletzter Tag in Madagaskar ist, war nicht mehr viel Geld in der Brieftasche. Die Visa-Karte, die wir für den Notfall mitgenommen und nie gebraucht haben, zu sperren, wird mehr kosten, als die paar Scheine wert waren. Wir verteilen die Brote an die Kinder, aus deren Reihen wohl auch unser kleiner Dieb entspringt. Sie sind so arm. Man kann ihnen so einen Gelegenheitsdiebstahl nicht übel nehmen.

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Armut in Tana

Der letzte Tag steht ganz im Zeichen des Souvenir-Kaufes. Da unser Flug erst um ein Uhr morgens geht, haben wir noch den ganzen Tag Zeit dafür. Am Morgen erstellen wir ein Budget und damit geht’s dann ab auf den Markt. Da wir uns wahllos für verschiedenste Dinge interessieren, haben wir bald ein Gefolge von Händlern hinter uns, die ihre Chance wittern, und uns quer über den ganzen Markt verfolgen. Wir hatten nicht mehr sehr viel Geld für unsere Einkäufe zur Verfügung und doch sind wir ziemlich beladen, als wir uns aus dem Marktgetümmel hinaus kämpfen. Am Nachmittag machen wir ein Mango-Testessen. Von den süssesten Früchten kaufen wir zwei Kilo – ein paar Extra-Vitamine für unsere winter-geplagten Schweizerfreunde Zuhause. Nachdem wir noch ein Taxi zum Flughafen reserviert haben, bleibt uns in diesem Land nicht mehr viel zu tun. Wir verbringen unseren letzten Abend im Restaurant Sakamanga – dort wo wir auch unseren ersten Abend verbracht haben, dort wo sich alle Reisenden treffen, diejenigen die erst angekommen sind, diejenigen die schon bald wieder abfliegen – es ist ein merkwürdiges Gefühl.

Um zehn Uhr holt uns unser Taxi vom Hotel ab und bringt uns zum Flughafen. Dort steht bereits eine riesige Schlange vor dem Zoll. Aber wenn wir eines gelernt haben in Madagaskar, dann ist es Geduld zu haben – mora mora. Im Wartesaal beobachten wir die vielen europäischen Ehepaare, die ganz spezielle Souvenirs von Madagaskar nach Hause bringen: Kinder. Ein Paar hat gleich „Drillinge“ bekommen, ist allerdings in diesem Moment ziemlich überfordert mit dem Familienglück. Die Kinder schreien, und das ältere Mädchen schubst ununterbrochen ihre zwei neuen Geschwister. Bei vielen Kindern haben wir das Gefühl, dass sie mit Medikamenten ruhig gestellt worden sind. Viele müssen sich dann im Flugzeug übergeben und weinen. Die ganze Situation ist wohl für die Kinder und für die frisch gebackenen Eltern eine ziemlich grosse Belastung. Trotzdem denken wir, dass diese Adoption für viele Kinder, die sonst vielleicht auf der Strasse aufgewachsen, zu Diebstahl und Prostitution angehalten worden wären, eine unglaubliche Chance ist. Wir hoffen, die Kinder werden sich wohl fühlen, bei uns, in Europa, wo so vieles so sehr anders ist, als dort, wo sie geboren sind...

Zürich empfängt uns überraschenderweise mit freundlichstem Wetter. Trotzdem sind die Temperaturen natürlich nicht gerade madagassisch. Aber wir haben unsere beiden Rucksäcke, wir haben uns und wir haben die Sonne und das Lachen Madagaskars im Herzen – und dort wird es bleiben. Für immer.

 


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