von
Sabine Campana
für Marc
(zur
Erinnerung an eine wunderschöne Zeit... ich würde diese Erinnerungen mit
keinem Menschen dieser Erde lieber teilen als mit dir...)
Madagaskar
– erst ein knappes Jahr war vergangen seit ich mit der Österreicherin
Stefanie auf dem Deck eines Holzbootes in der Halongbucht in Vietnam gesessen
hatte und sie mir von erlebten Reisen berichtete. Als sie damals von der Insel
schwärmte, sagte mir der Name nichts. Leer, inhaltslos, nichtssagend. Afrika
war für mich immer der Kontinent gewesen, den ich bestenfalls mit einer Löwensafari
in Verbindung gebracht hatte und somit auf meiner Wunschliste für
Feriendestinationen gar nicht erst auftauchte. Welch ein Unterschied zwischen
den Gefühlen, die ich damals in Vietnam empfand, als ich das erste Mal von
Madagaskar hörte und den Gefühlen jetzt, wenn ich mich an dieses wunderbare
Land mit seinen herzlichen Bewohnern erinnere... Madagaskar ist nicht mehr nur
diese Insel auf dem Globus, irgendwo östlich der Südspitze Afrikas. Madagaskar
hat ein Gesicht bekommen. Eine Geschichte, ein Gefühl. Madagaskar ist keine
leere Bezeichnung mehr. Das Wort ist gefüllt. Gefüllt mit vielen schönen
Erinnerungen...
Der
Wind bläst uns warm entgegen, als wir am 31. Oktober 2001 in Antananarivo aus
dem Flugzeug steigen und zum ersten Mal in unserem Leben afrikanische Erde unter
den Füssen haben. Der Faserpelz und die Regenjacke, die wir am Tag zuvor beim
Einchecken in Zürich noch so bitter nötig hatten, sind unterdessen um die Hüfte
gebunden, und wir steuern auf das erstaunlich moderne Flughafengebäude zu. Wir
sind wahnsinnig gespannt, was uns im kommenden Monat erwarten wird. Wir freuen
uns auf die üppige Flora, auf viele endemische Tierarten und eine Bevölkerung,
die den wenigen Touristen gegenüber noch sehr wohlwollend und neugierig
eingestellt sein soll. Gleichzeitig denken wir aber auch an gelesene
Reiseberichte, die von verunfallten Taxibrousses, nervtötenden Wartezeiten,
Unplanbar-keit, grosser Armut, Dreck und Krankheit berichtet haben. Wir
beschliessen, uns überraschen zu lassen und uns diesem faszinierenden Sog, der
jedes unbekannte Land ausübt, hinzugeben.
Vorerst
heisst es aber erst mal den Sog, den die zehn Taxifahrer ausüben, abzuwehren.
Sie erwarten uns am Flughafenausgang, als wir ihnen mit ziemlich dickem Gepäck
(dem Himmel sei gedankt, unsere Rucksäcke haben den gleichen Weg genommen wie
wir) und mit ziemlich dünnem madagassischem Organisations-Knowhow um halb zwölf
Uhr nachts entgegentreten. Lachend erinnern wir uns an ähnliche und schlimmere
Szenen an Busbahnhöfen in Vietnam, sind froh um unsere Erfahrung von damals und
um unsere nicht immer geliebten Französischlektionen in der Schule. Wir helfen
einem ziemlich verunsicherten und nur Englisch sprechenden Norweger, quetschen
uns zu sechst in ein altersschwaches Taxi, das dann nach einigen misslungen
Anschiebversuchen doch noch anspringt und mit
uns zu einem Hotel in Flughafennähe holpert. Dort erfahren wir zum
ersten Mal, dass in Madagaskar Mitternacht nicht nur wirklich mitten in der
Nacht ist, sondern dass um diese Zeit auch wirklich schon alle schlafen – auch
Hotelbesitzer. Aber unser Taxichauffeur macht sich ziemlich lautstark bemerkbar
und so sinken wir bald darauf in ein ziemlich hartes und schmuddeliges Bett und
schlafen wie die Engel.
Am nächsten
Tag erwachen wir schon früh. Bei Sonnenaufgang geht in Madagaskar das Leben
los. Es wird gearbeitet, gegessen, gefeiert solange es hell ist und geschlafen,
sobald die Sonne nicht mehr genügend Licht spendet, um etwas anderes zu tun.
Schon nach wenigen Tagen stellen wir fest, wie leicht wir diesen Rhythmus übernehmen.
Auch Marc ist ganz erstaunt darüber, dass seine wohlbekannte lähmende Morgenmüdigkeit
nicht etwa eine genetisch veranlagte und stabile Notwendigkeit darstellt,
sondern dass wir uns ohne Probleme und ganz freiwillig jeden Tag zwischen fünf
und sechs Uhr in den neuen Tag stürzen. Und genau dies tun wir auch an diesem
1. November.
An der
Hotelrezeption erwartet uns schon ein erster Touroperator, dem noch viele folgen
werden. Er möchte uns zu total überhöhten Preisen zu einer Tour zu den Tsingy
de Bemaraha überreden. Wir schütteln ihn erfolgreich ab, versuchen dasselbe
mit dem Taxifahrer, der uns „zu unserer eigenen Sicherheit“ davon abrät,
mit dem Bus in die Stadt hineinzufahren und quetschen uns mit unsern grossen
Rucksäcken in den Stadtbus nach Antananarivo, kolonialistisch „Tananarive“
oder hier von allen kurz „Tana“ genannt.

Tana
Die
Hauptstadt Madagaskars empfängt uns mit ziemlich schlechter Luft, viel Armut
und viel Staub – eine Grossstadt in einem Drittweltland. Aber die Sonne
scheint, die Leute lachen uns alle freundlich zu und wir sind voller Tatendrang.
Nach einigen erfolglosen Anfragen finden wir dann auch ein Hotel, gleich
oberhalb des Lac Anosy, an dessen
Ufern am selben Abend noch ein Konzert DER madagassischen Teeniegruppe steigen
wird. Die Geschäfte bleiben an diesem Tag geschlossen, der wie bei uns als
Feiertag gilt. Die Strassenmärkte jedoch finden wie auch an jedem andern Tag
der Woche statt, und so bewundern wir an unserem ersten Madagaskartag den
farbenprächtigen Blumenmarkt mit seinen Miniatur-Baobabs, den dunklen Blumentöpfen
aus Farnwurzeln und den unzähligen Orchideenarten. Als wir zum Freiheitsdenkmal
im See hinaus spazieren möchten, rennen auf dem Weg dorthin so viele Ratten vor
unsern Füssen durch, dass ich auf einen Schlag etwa hundert Krankheiten
inklusive der madagassischen Pest aufzählen könnte und wir das Denkmal von
unserm Kulturplan streichen. Stattdessen wühlen wir uns durch den nächsten
Markt, kaufen uns zuckersüsse Mangos, staunen über Menschen, die Körbe voller
Hühner auf dem Kopf balancieren, deren Markstand aus drei Häufchen zu je fünf
Erdnüssen besteht oder die eine undefinierbare Masse mit Löffelchen aus Palmblättern
essen. Wir spielen mit Kindern, die sich mit einer leeren Petflasche mehr vergnügen
als mit hundert Barbiepuppen, fotografieren Babies, die voller Stolz fürs Foto
zurechtgerückt werden und saugen einfach all die vielen Eindrücke, die sich
uns bieten, in uns auf.
Als es
zu dämmern beginnt, begeben wir uns ins bekannteste Backpacker-Restaurant
von Tana und erhalten dort auch wirklich viele gute Tipps von Reisenden,
die in wenigen Tagen bereits wieder ihren Rückflug antreten und schon richtige
Madagaskar-kenner sind. Sie berichten uns von ihrer Tour in die Tsingys de
Bemaraha und empfehlen uns einen Führer namens Julien, der ab und an in
Antsirabe anzutreffen sei.
Am
darauf folgenden Morgen machen wir uns auf nach Antsirabe. Ein Taxi bringt uns
nach zum „Gare routière du Sud“. Allerdings versteht der Taxifahrer diesen
komplizierten Begriff aus dem Reiseführer nicht, und erst nachdem wir ihm
sagen, dass wir ganz einfach ein Taxibrousse nach Antsirabe brauchen, glättet
sich seine runzelnde Stirn und er steuert zielstrebig drauf los. Wenn sich ihm
zu viele andere Autos in den Weg stellen, fackelt er nicht lange und „überholt“
sie auf dem Gehsteig. Auf einem schlammigen Platz stehen viele Minibuse, die
allerdings weder mit ihrem Fahrziel beschriftet, noch an irgend einen Fahrplan
gebunden sind. Sie fahren einfach dann ab, wenn sie voll sind. Sehr viele, sehr
freundliche und sehr hilfsbereite Menschen reissen uns beinahe das Gepäck aus
der Hand und wollen uns überzeugen, in ihr Fahrzeug einzusteigen. Da es uns
noch an praktischer Erfahrung mangelt, erinnern wir uns an Reiseberichte in
unserem Führer und halten Ausschau nach dem Minibus, in dem schon möglichst
viele Leute Platz genommen haben. Je voller ein Fahrzeug ist, desto besser
stehen die Chancen, möglichst bald loszufahren. Wir sollten in den folgenden
Wochen noch lernen, dass die Menschen, die in den Taxibrousses sitzen, noch
lange keine Fahrkarte gekauft haben und nach einem unterhaltsamen Schwatz mit
den andern Passagieren und allfälligen „Vahazas“ (Touristen, Fremde) oft
einfach wieder aussteigen. Wir haben aber Glück und der Minibus fährt bereits
nach einer guten halben Stunde los. Hinter uns sitzen zwei Touristen aus
Deutschland mit denen wir uns bald anfreunden. Die Fahrt nach Antsirabe dauert
etwa vier Stunden und führt uns durch herrliche Landschaften. Rote Erde
und leuchtend grüne Reisfelder – es ist das Bild, das für uns in Madagaskar
bestimmend wird. Unterwegs machen wir Halt, um frische Ananas- und Mangostücke
zu kaufen.

Früchte-Kiosk
Ohne
Zwischenfall gelangen wir nach Antsirabe („dort wo es viel Salz gibt“) und
werden bereits an der Taxi-Brousse-Station von einer Horde Pousse-Pousse-Fahrern
erwartet. Die Pousse-Pousses sind zweirädrige Gefährte, die den Rikschas in
Japan gleichen. Ihren Namen erhielten durch den Umstand, dass die Häuser Tana,
wo die Pousse-Pousses vor der Taxi-Aera im Einsatz waren, an so steilen Hängen
stehen, dass jeweils zwei Pousse-Poussiers benötigt wurden – der eine zog,
der andere stiess – Pousse-Pousse.
Die
Pousse-Poussiers gehören zu einer der ärmsten Bevölkerunsschichten
Madagaskars. Oft rennen sie den ganzen Tag barfuss durch die Stadt, ziehen ihr
schweres Gefährt hinter sich her und wenn sie Glück haben, verdienen sie dabei
10000 Fmg (umgerechnet 2.50 Sfr), damit sie die Tagesmiete für das
Pousse-Pousse bezahlen können und vielleicht noch ein paar Rappen für eine
Hand voll Reis übrig bleiben. Kein Wunder stürzen sich die Männer förmlich
auf neu ankommende Vahazas, die für die Fahrt zum Hotel wohl meist ein
Vielfaches des Preises für die Einheimischen bezahlen.

pousse-pousse
in antsirabe
Wir
lassen uns also durch das sympathische Städtchen zum Hotel ziehen und
deponieren das Gepäck im grosszügigen, sauberen Zimmer, zu dem leider eine
stinkende, schmutzige Toilette im Flur gehört.
Mit
den beiden Deutschen machen wir uns auf zum „Zebu Philosophe“, das gleich am
ersten Abend zu Marcs Lieblings-restaurant auserkoren wird, da die sehr zarten
Zebusteaks direkt auf einem heissen Stein am Tisch gebraten werden. Und auch für
mich zaubert die Köchin ein tolles Abendessen, nachdem sie ganz stolz verkündet
hat, dass sie schon wisse, dass man diese merkwürdigen Vahazas, die kein
Fleisch essen „Vegetariens“ nennt und sie diese Bezeichnung für die rare
Spezies durch das ganze Restaurant proletet hat. Wir verbringen einen angenehmen
Abend, lassen uns von Ferien in Indonesien
vorschwärmen (und erst vor einem Jahr, auf dem Bootsdeck in der Halongbucht von
Vietnam...) und geniessen unser Essen.
Gegen
acht Uhr verabschieden wir uns von den beiden Deutschen, die am nächsten Tag
nach Osten aufbrechen wollen und machen wir uns müde auf den Rückweg zum
Hotel. Auf der Veranda vor unserem Zimmer wechseln wir noch ein paar Worte mit
einer etwa fünfzigjährigen Französin. Sie erzählt uns, dass sie bereits eine
Tour zu den Tsingys im Westen der Insel gebucht hätten und nun darauf hofften,
dass sich bald noch ein paar andere Reisende finden lassen würden, damit es
bald losgehen könne. Ganz plötzlich stürmt ihr madagassischer Reisebegleiter
aus dem Zimmer, reisst sie vom Geländer, schreit auf sie ein, sagt sie habe
hier mit niemandem zu reden, stösst sie grob ins Zimmer - Türe zu, Stille. Wir können uns nur fragend anschauen. An
diesem Abend ahnen wir noch nicht, dass wir in den folgenden Tagen Zeugen noch
einiger anderer nicht sehr erfreulicher Geschichten dieses Paares werden würden.
Doch bereits zu diesem Zeitpunkt im Hotel in Antsirabe beschliessen wir, dass
diese beiden Menschen wohl nicht in unsern engeren Freundeskreis aufgenommen
werden.
Am nächsten
Morgen früh steht der aggressive Madagasse bei Marc im Hotelzimmer,
entschuldigt sich für sein gestriges Verhalten und erklärt, er sei für die
Sicherheit seiner Begleiterin verantwortlich. Auch wenn wir sein Verhalten, vor
allem ihretwegen, nicht entschuldigen können, halten wir uns raus und widmen
uns unsern eigenen Herausforderungen dieses Tages. Unser Samstagsplan besteht
vor allem im Ziel, unsere Tour zu den Tsingys zu organisieren. Ein ziemlich
aufdringlicher Anbieter dieser Tour nennt sich Gaby und hat schon ein anderes
Paar für den Trip gewinnen können – die Chancen würden also gut stehen,
dass es schon bald losgehen könnte. Als wir dann aber erfahren, dass dieses
andere Paar unsere merkwürdigen Bekannten aus dem Hotel sind, ist unser
Entschluss klar. Wir wollen diese Tour geniessen... Ganz zufällig treffen wir
an der Rezeption unseres Hotels einen andern Führer, der soeben von einer Tour
zu den Tsingys zurückgekehrt ist. Wir fragen ihn, ob er einen Führer namens
Julien kenne, den wir im Restaurant in Tana empfohlen bekommen hatten. Er ist es
selbst. Von Anfang an macht er einen sehr sympathischen Eindruck auf uns. Das
Problem ist jedoch, dass er noch keine andern Interessenten gefunden hat und die
Gruppe aus mindestens fünf Personen bestehen muss. Ein anderes Problem ist
auch, dass wir uns beide sehr auf die Tsingys, die kürzlich von der UNESCO zum
Weltkulturerbe erklärt worden waren, gefreut haben, Julien jetzt aber
berichtet, dass es für diese Saison wohl seine letzte Tour zu den Tsingys
gewesen sei, weil bald die Regenzeit einsetzen würde und somit die Piste
dorthin nicht mehr passierbar sein werde. Tsja... Wir wollen abwarten.
Unterdessen erkunden wir den grossen Samstagsmarkt von Antsirabe, verschenken
die letzten Kleider, die wir aus der Schweiz für diesen Zweck mitgebracht
haben, Marc kauft sich einen typischen madagassischen Strohhut, an den ich mich
zuerst gewöhnen muss, ihn aber bis am Schluss richtig sexy finde, wir geniessen
nochmals ein Abendessen im „Zebu philosophe“ und begeben uns anschliessend
ins „Kabary“, ein kleines gemütliches Hotel, in dem jeden Abend live
madagassische Musik gespielt wird. Wir beobachten von hinten zwei
Männer und beratschlagen, ob sie wohl ein Paar sind. Mitten in unserer
wichtigen Diskussion werden wir erneut von einem Führer unterbrochen, der noch
Vahazas für seine Exkursion zu den Tsingys sucht. Er nennt sich Billy und wird
in meinem Reiseführer in den höchsten Tönen gelobt. Billy hat bereits zwei
Interessenten – die beiden (schwulen) Männer am Tisch vor uns. Sie sind
Franzosen und scheinen uns sehr sympathisch und vor allem friedliebend zu sein.
Wir erzählen Billy, dass wir bereits mit Julien eine Abmachung hätten. Billy
und Julien sind aber gute Freunde und er verspricht uns, mit Julien zu sprechen,
damit wir möglichst schon am Montag losfahren können. Uns ist es recht. Billy
gleicht einem gemütlichen Braunbären und wir schenken ihm unser Vertrauen. Wir
sollten nicht enttäuscht werden...
Am
Sonntag mieten wir uns zwei Fahrräder. Wir sind erstaunt darüber, dass sich in
Madagaskar überhaupt so gut gefederte Räder finden lassen. Als unser
Velovermieter hört, dass wir aus der Schweiz kommen, erzählt er uns, dass sein
Chef in Afoltern stationiert sei. Schweizerisch ist dann auch der Preis für die
Radmiete, und Schlüssel für das Schloss sind momentan auch keine aufzutreiben.
Da es aber schon beinahe Mittag ist, drängt die Zeit und wir wollen fahren.
Unser Velovermieter verspricht uns, die Schlüssel zu organisieren und uns im
High-Speed nachzukommen. Nach ein paar Kilometern holt er uns tatsächlich ein
und wir können zufahren. Nach einer Stunde zweigen wir in einen Feldweg ein,
kurven um eine Zebuherde herum, schwitzen, bestaunen ein kleines Kind, dass bei
einer Tagestemperatur von 35 Grad im Schatten einen hellrosa Skianzug trägt und
haben schon bald unser erstes Etappenziel, den Lac Andraikiba erreicht. Der See
mit den Föhren, die den Uferrand säumen, erinnert uns irgendwie an die Schweiz
– die Hitze tut dies weniger. Wir fahren weiter durch kleine Dörfer, in denen
die Bewohner aus ihren Lehmhütten gerannt kommen um uns zu begrüssen und die
Kinder sich neugierig um uns drängen. Die Hütten sind aus roter Erde gebaut
und fügen sich malerisch in die Umgebung ein. Bei einem unserer Stopps in einem
solchen Dörflein unterhalten wir uns mit ein paar Kindern, machen Fotos von
kleinen Mädchen, die bereits ihre jüngeren Geschwister in einem Tuch auf dem Rücken
tragen und Marc lässt einen erstaunten Knaben durch das Zoom seiner Kamera
schauen. Als der kleine Junge fragt, ob er ein Stück auf Marcs Rad fahren dürfe,
sind wir beide überzeugt, dass er es kaum schaffen wird, da er viel zu klein
ist, überhaupt den Sattel zu erreichen. Weit gefehlt! Geschickt schlüpft er
mit einem Bein einfach unter der Stange hindurch, hält über seinem Kopf den
Lenker und radelt in einem Affentempo los. Wir können kaum zuschauen! Nach
wenigen Minuten bremst er aber wieder glücklich strahlend vor uns und das Rad
ist wieder in Marcs Besitz. Wir winken den Kindern zum Abschied zu und fahren
lachend weiter.

Neugierige
Kinder unterwegs
Im nächsten
Dorf begleitet uns ein radfahrender Jugendlicher ein Stück und redet ohne Punkt
und Komma auf uns ein. Kurz nach dem Dorf reisse ich einen Vollstopp. Ein
seltsamer Fussgänger ist ohne nach rechts oder links zu schauen auf die Strasse
herausgetreten: unser erstes Chamäleon. Es ist blau-gelb gefärbt, und
fasziniert beobachten wir seinen langsamen, schaukelnden Gang, seine
zusammengewachsenen Zehen und die lustigen Augen, die sich unabhängig
voneinander bewegen. Wir nehmen es in die Hand und setzen es nach einem
Fotoshooting sicher auf der andern Seite der Strasse ab. Bald darauf erreichen
wir den Vulkansee Tritriva. Leider gehören wir scheinbar nicht zu den
allerersten weissen Entdeckern dieses Sees: es werden uns Halbedelsteine und
Strohhüte zum Verkauf angeboten, an einer Barriere müssen wir Eintritt
bezahlen und drei kleine Jungs ernennen sich selbst zu unsern Führern. Einer
davon hat in der Schule sogar die Legende um diesen See auf Englisch auswendig
gelernt und rezitiert für uns. Der wesentliche Inhalt der Geschichte ist rasch
erzählt: Ein armer Schlucker von einem Jüngling hat sich in eine reiche Schönheit
verliebt, die Eltern verbieten die Liaison, aus Verzweiflung stürzen sich die
beiden in den See und ertrinken – Romeo und Julia auf madagassisch. Seither
ist dieser See Fady, mit einem Tabu belegt, das es verbietet, im See zu baden
oder in dessen Nähe Schweinefleisch zu essen. Unsere beiden Farmerstängel aus
der Migros verbietet es jedoch nicht und so lassen wir uns für eine Weile im
Schatten des Sees nieder. Am Ufer treffen wir dann auch Julien mit einer Gruppe
junger Franzosen. Sie essen Thunfisch – erlaubt. Wir erzählen ihm von unserer
gestrigen Unterhaltung mit Billy und er meint, dass Billy ein sehr guter Führer
sei und wir beruhigt mit ihm mitgehen könnten. Wir schwingen uns wieder auf
unsere Räder und schlagen den Weg Richtung Betafo ein. Der Weg wird immer
weniger Weg und immer mehr ausgetrocknetes Bachbett mit tiefen Furchen, Löchern,
Steinen – Marc ist im Element, ich bin es weniger. Der gut gemeinte Ratschlag
meines Radprofis „es einfach fahren zu lassen“ endet mit einem Sturz,
aufgeschürften Beinen und einem Schnitt in der Hand. Am Abend gesellen sich
dann noch Brandbläschen an den Armen hinzu, da die Sonne wirklich gebrannt hat
und die fahrlässig aufgetragene Sonnencreme vom Morgen nicht wirklich
„daylong“ gehalten hat. Was nicht tötet, härtet ab. Trotzdem ist dieser
Tag phantastisch. Die Landschaft verschlägt einem den Atem, die neugierige
Herzlichkeit der Dorfbewohner nimmt einem gefangen. Bald erreichen wir Betafo,
lassen unsere Räder auf das Dach des Taxibrousses laden, quetschen uns zu zweit
auf den Beifahrersitz und lassen
uns nach Antsirabe zurück chauffieren.

Atemberaubende
Landschaften im Hochland
Abends
sitzen wir müde und glücklich im „Kabary“, lauschen der fröhlichen Musik,
besprechen mit Billy die letzten Details für den nächsten Morgen, handeln und
feilschen ein bisschen um den Preis für die Tour und überzeugen ihn, dass wir
trotz Regenzeit versuchen wollen, zu den Tsingys zu gelangen.
Am nächsten
Tag soll es um elf Uhr losgehen. Mit von der Partie sind ausser unserer
Wenigkeit die beiden Franzosen mit den Namen Philippe und Phillippe (können
sogar wir uns merken) und der Belgier Michael. Es wird dann allerdings drei Uhr
Nachmittags bis wir losfahren, weil die beiden Phillippes einzig und allein mit
ihrer Kreditkarte nach Madagaskar gereist sind, finanziell auf dem Trockenen
sitzen, die madagassischen Banken das Kreditkarten-geschäft scheinbar noch
nicht aus dem ff kennen und sowieso alles ein bisschen länger dauert auf dieser
Insel. Mora mora – immer mit der Ruhe. So bleibt noch Zeit für einen weiteren
Kaffee, ein trockenes Baguette, ein sandiges Stück Kuchen und ein Gspräch mit
einem Pärchen aus Österreich, das sich wahnsinnig darüber aufregt, wie teuer
hier alles ist und uns die Geschichte erzählt, wie sie fast aus einem
Taxi-Brousse rausgeschmissen worden seien, als sie sich weigerten, den
geforderten Ticketpreis zu bezahlen. Aber Hauptsache sie schaffen es, mit ihrem
gesparten Geld drei Monate lang unterwegs zu sein. Schöne Ferien! Irgendwann
geht’s dann aber sogar für uns los. Mit einem Peugeot fahren wir Richtung
Miandrivazo, wo wir am nächsten Tag einbooten wollen. Als wir in der Dunkelheit
um acht Uhr beim Hotel ankommen, hat die Hotelküche bereits geschlossen. Im
Dorf finden wir aber noch ein Restaurant, das einem ausgewanderten Franzosen
fortgeschrittenen Alters und seiner madagassischen Ehefrau wenig
fortgeschrittenen Alters gehört und die uns köstlich bekochen. Zwischen den Gängen
bewundern wir die erotischen Malereien des Restaurantbesitzers und Marc überlegt
sich ernsthaft, nach Madagaskar auszuwandern. Vorerst sinkt er aber noch mit mir
ins weiche Hotelbett unter dem Moskitonetz, über das während der ganzen Nacht
Geckos rennen und einen wahnsinnigen Lärm veranstalten.
Tagwache
ist um sechs Uhr. Am ersten Tag finden wir das noch unmenschlich früh. Am
zweiten Tag werden wir dann freiwillig um fünf Uhr aufstehen, um die wenigen
Stunden zu geniessen, in denen die Sonne noch nicht ganz so unbarmherzig vom
Himmel brennt. Wir spazieren ins Dorf, warten wieder einmal auf die beiden
Phillippes, die suchtgetrieben einen Wochenvorrat an Zigaretten auftreiben müssen
und bestaunen unsere zwei ausgehöhlten Baumstämme, die uns in drei Tagen den
Fluss Tsiribihina hinunter tragen sollen. Viel Gepäck wird in den Pirogen
verstaut. Zum Gepäck gehören auch drei Hühner – am Tag darauf gibt’s
Poulet. Frisch. Am hinteren Ende der Einbäume nimmt jeweils ein Ruderer Platz.
Er wird mehrere Stunden am Tag sein schweres Holzpaddel ins Wasser tauchen. Drei
Tage lang. Danach wird er das ganze Stück zurück rudern. Stromaufwärts. Zehn
Tage lang. Wir wollen nicht wissen, was er dabei verdient. Wie die
Pousse-Poussiers von Antsirabe gehören die Piroguiers nicht gerade zur
Oberschicht Madagaskars.

Marc im
kampf gegen die Hitze
Wir
gleiten unter Mangobäumen hindurch, pflücken die süssen Früchte vom Boot aus
und verschlingen sie schmatzend und kleckernd. Das Wasser ist von der braunen
Erde sehr trüb und steht beinahe still. Am ersten Tag trauen wir uns aus Angst
vor Bilharziose kaum die Hände darin zu waschen. Die Angst sollte sich in den nächsten
Tagen notgedrungen legen. Mittagsrast wird am Flussufer eingelegt, unter
riesigen Mangobäumen, unter denen die heruntergefallenen Früchte vor sich hin
faulen und einen Geruch verströmen, der einem schon beim Einatmen beschwipst
macht. Wir bleiben nicht lange alleine. Gaby hat sich mit seiner Reisegruppe den
gleichen Rastplatz ausgesucht. Allen voran schreiten unser aggressiver
Hotel-Freund und seine weisse Begleiterin. Er ist lediglich mit einer grauen
Unterhose bekleidet. Sein Outfit wird sich auch in den nächsten Tagen nicht ändern
– genau wie sich auch sein Name, den wir uns für ihn ausdenken, nicht mehr ändern
wird: Le Slip. Weniger störend sind die Einheimischen, die zum Stamm der
Antanosy gehören und uns ein wenig scheu aus sicherer Entfernung beobachten.
Sie sind mit farbigen Tüchern gekleidet, die auch die Männer wie einen Rock um
ihre Hüften tragen. Ein junger Mann interessiert mich besonders. In seinem
kurzen Kraushaar steckt ein leuchtend roter Kamm. Leider bin ich mir zu diesem
Zeitpunkt meiner einmaligen Chance nicht bewusst. Später lese ich nämlich über
diesen Stamm, dass sich die jungen Männer einen Kamm in ihr Haar stecken, wenn
sie auf Brautsuche sind. Ich finde das eine sehr praktische Einrichtung... Nach
einem kurzen Mittagsschläfchen unter den Mangobäumen geht’s dann auch schon
weiter. Es ist heiss. Brennend heiss. Wir bewegen uns nicht und staunen
trotzdem, dass man sogar an den Unterarmen und auf der Handoberfläche schwitzen
kann. Gewarnt durch die verbrannten Arme in Antsirabe, ziehen wir uns trotz der
Hitze ein langärmliges Hemd über. Heiss ist heiss – da spielen Kleider, ob
kurz- oder langärmlig, keine Rolle mehr. Gegen fünf Uhr abends steuern wir auf
eine Sandbank zu, wo wir unsere erste Nacht im Zelt verbringen werden. Wir
werden von Billy fürstlich bekocht. Es gibt starken Rum und Erdnüsse zum Apero, Gemüse, Fleisch und Teigwaren zum Hauptgang und frische Ananas zum
Nachtisch. Wir essen auf einer Strohmatte auf dem Sandboden. Satt, müde und glücklich
bestaunen wir die vielen hellen Sterne am Himmel bevor wir uns nach und nach in
unsere Zelte verkriechen. Billy und die beiden Piroguiers schlafen draussen
unter freiem Himmel. Billy gönnt sich seit ein paar Jahren den Luxus eines
Moskitonetzes, das ihm eine junge hübsche Vahazette vor einiger Zeit geschenkt
hat und das ihn ein wenig schützen soll. Malaria hat er trotzdem. Immer wieder
holen ihn Fieberschübe ein und er muss starke Medikamente nehmen.

Das
Nachtlager von Billy
Am nächsten
Morgen geht es schon früh weiter. Die Morgenstunden sind am angenehmsten, die
Hitze ist noch erträglich. Wenige Stunde später können wir uns kaum noch
erinnern, wie sich ein kühler Lufthauch überhaupt anfühlt. Wir meinen,
sterben zu müssen. Unser Lebenswille wird einzig vom Versprechen aufrecht
erhalten, dass wir am Mittag bei einem Wasserfall Halt machen werden, wo wir
baden können. Die Minuten schleichen dahin. Bootsfahrt im Zeitlupentempo. Doch
irgendwann kommen wir doch noch an, schleppen uns dem Flussufer entlang und
gelangen zum in diesem Augenblick absolut schönsten Wasserfall der Welt. Wir
tauchen ins klare Wasser, schrubben uns mit Seife und gönnen uns den Luxus
eines frischen, wohlriechenden T-shirts. Wie schön ist es, sauber zu sein! Nach
dem Mittagessen entdecken wir zum ersten Mal auf unserer Reise Lemuren. Sie
turnen hoch oben in den Baumwipfeln gleich neben unserer Mittagstafel herum. Wir
sind fasziniert. Die zweite Hälfte der Tagesetappe ist erträglich. Bald schon
schlagen wir unser Nachtlager auf. Zum Abendessen gibt’s die drei Hühner. Ich
bin froh, dass sie tot sind. Sie haben mir doch sehr leid getan, den ganzen Tag
in dieser Piroge mit zusammengebundenen Füssen liegen zu müssen. Der Rum, den
uns Billy wiederum serviert, hat es in sich. Er wäre auch auf vollen Magen gefährlich.
Wenn man aber den ganzen Tag nicht viel gegessen hat, ist man nach einem Gläschen
ganz froh, sich auf der Bastmatte ausstrecken zu können und keinen Schritt mehr
gehen zu müssen. Als Alternative zu den Hähnchen kocht mir Billy eine dicke
Eieromelette. Bei dem Gedanken, dass die Eier zwei Tage in der vollen Hitze
gelegen haben, ist mir nicht sonderlich wohl. Ich vergrabe die Omelette im Sand.
Der
letzte Tag auf dem Fluss bricht an. Mittagsrast wird am Flussufer unter Schatten
spendenden Bäumen gemacht, zum Mittagessen gibt’s diesmal für alle Omelette
– von drei Tage alten Salmonelleneiern. Billy kann unsere Sorgen nicht
verstehen. Die Piroguiers freuen sich aber über die zusätzliche Mahlzeit. Von
den Bäumen hängen viele Lianen. Mein Versuch, Jane zu spielen endet jedoch
damit, dass ich mitsamt der Liane zu Boden gehe. Auch die vielen Stechmücken
gefallen uns nicht sonderlich und so drängen wir bald zum Aufbruch. Gegen Abend
legen wir an. Unser Gepäck wird auf einen Zebukarren geladen und gemütlich
spazieren wir zum Dorf Belo-Tsiribihina. Am meisten haben wir uns ja auf die
Hoteldusche gefreut. Sie besteht aber nur aus einem Fass, gefüllt mit
Flusswasser (dasselbe Flusswasser in dem wir wegen Bilharziosegefahr am ersten
Tag die Hände nicht gewaschen haben) und einem kleinen Eimer, mit dem man sich
das Wasser übergiessen kann. Alles egal – Hauptsache man ist nicht mehr
schweissverklebt. Erfrischt machen wir uns auf Entdeckungstour durch das kleine
Dorf.

Sehr
arm – aber sehr fröhlich...
Wir
beobachten die süssen Kinder und schauen beim Dorf-Pub, einem Bretterverschlag,
vorbei. Die Bevölkerung ist sehr arm, die Kinder sehen mit wenigen Ausnahmen
sehr krank und mangelernährt aus. Viele haben aufgedunsene Bäuche. Es macht
mich ein wenig traurig. Die lachenden Gesichter und die glücklichen Augen der
Menschen lassen einem aber das offensichtliche Leid besser ertragen.
Zum
Abendessen gibt es die besten Linsen, die ich je gegessen habe und sogar Marc überlegt
sich für einen kurzen Moment, ob er nicht Vegetarier werden möchte.
Unser
4x4 - Wagen wartet bereits am frühen Morgen auf uns. Auf einer Fähre setzen
wir über den Fluss. Die Fähre besteht aus zwei kleinen Booten mit
Aussenbordmotor, die nur durch eine paar Holzleisten verbunden sind und auf
diese Holzleisten werden Unmengen von Menschen, Waren und unser Jeep geladen. Um
zehn Uhr kommen wir im Dorf am gegenüber liegenden Flussufer an und werden
gleich zum Restaurant gefahren, damit wir unser Mittagessen bestellen können.
Die Kochmannschaft des Restaurants benötigt zwei Stunden um es zuzubereiten.
Mora mora. Marc und ich gehen auf Sonnencreme-Suche. Keine Chance. Madagassen
brauchen keine Sonnencreme. Im Dorf herrscht emsiges Treiben. Der Dorfplatz vor
der Schule ist reich geschmückt. Der Regionalpräsident wird erwartet. Wir
verpassen ihn leider zu Gunsten unseres Mittagessens. Das Essen ist mässig,
aber der absolute Hammer ist der Kühlschrank des Restaurants. Gekühlte Getränke
- welch ein Luxus!
Am
Nachmittag beginnt das schwierige Stück des Weges zum Tsingy. Für die achtzig
Kilometer benötigen wir zirka fünf Stunden und werden dabei so richtig
durchgeschüttelt. Aber wir haben Glück. Der Regen hat wider Erwarten noch
nicht eingesetzt und wir passieren ohne Probleme die Flüsse. Am Abend setzen
wir auf einer Fähre, die der von heute Morgen in Originalität in nichts
nachsteht, über den Manambolo-Fluss und schlagen an dessen Ufer unsere Zelte
auf. Das kleine Dörfchen neben unserem Lager ist idyllisch. Die Bevölkerung
trifft sich abends beim Wasser holen am Ziehbrunnen, und wir bestaunen ein
junges zartes Mädchen, das den schweren Wassereimer auf den Kopf hievt und ihn
mit Leichtigkeit zum Dorf zurück balanciert. Die Eimerdusche bei Kerzenlicht
finden wir an diesem Abend bereits romantisch und können uns eine Dusche mit
Wasserhahn schon gar nicht mehr vorstellen.
Der nächste
Tag soll also unser Tsingy-Tag werden. Der Tsingy de Bemaraha ist eine spektakuläre
Karstlandschaft, die aus Tausenden von spitzen Kalksteinnadeln besteht. Es ist
faszinierend, in dieser bizarren Steinwüste herum zu klettern.

Tsingy
de Bemaraha
Unser
Führer erzählt uns viel, beinahe zu viel. Er leidet an derselben Krankheit, an
der schon die Guides in Vietnam gelitten haben... reden, reden, reden... Jeder
Fusstritt wird von ihm vorherbestimmt, vor jedem herabhängendem Ästchen wird
gewarnt. Wir lächeln und lassen ihn reden. Dazwischen frönt er seiner
Leidenschaft für gruselige Geschichten, wie der, die davon erzählt, wie eine
Frau beim Wasser holen im Manambolo-Fluss von einem Krokodil angegriffen wurde
und deren Kopf man erst Tage später im Schilf gefunden hat, oder wie
Dorfbewohnern einander Leguan-Leber ins Essen mischen um einander umzubringen.
Die Geschichten sind spannend, aber nicht sehr glaubwürdig. Ausserdem nimmt uns
der Tsingy so gefangen, dass wir gar keine Zeit haben, diesen Erzählungen zu
grosse Beachtung zu schenken. Der Einzige, der uns von den Kalksteinspitzen
abzulenken vermag ist ein nachtaktiver Wieselmaki, der durch unser Auftauchen
bei seinem Schläfchen in der Baumhöhle gestört wird, uns verschlafen entgegen
blinzelt, sich kurz streckt und sich die Augen reibt, um dann kurze Zeit später
wieder einzudösen.
Am
Mittag treffen wir auch Gaby mit seiner Gruppe auf dem Zeltplatz. Am Tag zuvor
haben wir sie im Dorf warten sehen. Der 4x4 - Wagen, den Gaby angeblich
organisiert hat, war nicht aufgetaucht. Bis die Gruppe endlich mit einem anderen
Auto losfahren konnte, war schon spät und so sind sie die ganze Nacht
durchgefahren. Man sieht es den armen Menschen an. Wir meinen bei Billy einen
leichten Hauch von Schadenfreude zu entdecken. Scheinbar sind er und Gaby nicht
die besten Freunde. Schon bei der Bootsfahrt haben wir uns oft an die
Camel-Trophy erinnert gefühlt, bei der sich die verschiedenen Teams verbissen
auszustechen versuchen. Wir gönnen es der Gruppe, dass sie es noch geschafft hat – schliesslich sind die Gruppenmitglieder
durch Le Slip schon genug bestraft...
Am
Nachmittag erkunden wir noch den „Petit Tsingy“, die Miniatur-Ausgabe des
grossen Tsingys, hören uns noch etwa vierundvierzig Mal das „Attention à
votre tête“ von unserem Führer an und lassen den Tag gemütlich ausklingen,
indem wir am Flussufer den Liedern von Billy, dem Chauffeur und andern
Madagassen lauschen. Auch viele Kinder vom Dorf sitzen neben uns und amüsieren
sich kichernd. Leider ist die Idylle am Manambolo-Fluss nicht von langer Dauer:
Le Slip tritt wutentbrannt mit seinen Westernstiefeln auf ein Zelt ein, in dem
zusammengekrümmt seine Begleiterin liegt. Nun beginnen sich auch die andern
Tourteilnehmer einzumischen. Mit Gewalt müssen sie den Mann wegzerren. In
dieser Nacht schläft er draussen – und die Frau uriniert ins Zelt, weil sie
sich nicht raus traut. Uns fällt es schwer, das alles zu begreifen. Später
erfahren wir, dass der Mann Leo heisst, Philosophieprofessor in Paris sein soll,
seine Frau scheinbar soeben aus der Alkoholentzugsanstalt entlassen worden ist
und er mit ihr fortgefahren ist, um einen Rückfall zu verhindern. Eigentlich
ist es uns auch egal – wir haben allerdings grosses Mitleid mit den andern
Tourteilnehmern und sind gleichzeitig unglaublich froh, dass wir in Antsirabe
entschieden haben, uns nicht der Gruppe von Gaby anzuschliessen.
Am nächsten
Tag ist die Tour bereits zu Ende. Wir fahren nach Morondava, suchen uns ein
Hotel und verabreden uns zum letzten Mal mit Billy, Julien, Philippe und
Philippe zum gemeinsamen Abendessen. Obwohl es im Küstenstädtchen tropisch
heiss ist, erscheint Billy mit einem dicken Pullover im Restaurant. Am nächsten
Tag erfahren wir, dass er wieder einen Malariaschub hat und mit über vierzig
Grad Fieber siebzehn Stunden im Taxi-Brousse nach Hause gefahren ist. Der Arme!
Wir hoffen, dass es ihm bald besser geht. In der Nacht ist es so heiss, dass wir
kaum schlafen können. Trotzdem geniessen wir nach der Woche im Zelt die weiche
Matratze.
Am nächsten
Morgen geniessen wir das Frühstück auf der Veranda des Hotels, gleich an der
Meereseinmündung des Morondavaflusses. Ebenfalls auf der Veranda sitzen bereits
Philippe und Philippe – sowie Leo und seine Frau. Sehr friedlich, sehr
verliebt. Wir werden sie nicht los und sie sich gegenseitig scheinbar auch
nicht. Mit dem Fruchtsalat im Mund und der Kaffeetasse in der Hand bestaunen wir
die Auslegerpirogen, die an uns vorbeiziehen, randvoll gefüllt mit riesigen
Fischen. Die Gegend um Morondava ist der zentrale Lebensraum der Vezo. Die
grosse Mehrzahl der Angehörigen dieses Stammes lebt nach wie vor nomadisch und
ernährt sich ausschliesslich vom Fischfang. Die grossen Segel ihrer
Pirogen werden nachts zu Zelten umfunktioniert.

Ein
guter Fang...
Wir müssen
uns aber zu Gunsten der Organisation unseres Flugs nach Tulear vom
faszinierenden Anblick losreissen. Wir brauchen ein Taxi in die Stadt. Dies ist
gar kein so leichtes Unterfangen. In ein paar Wochen finden Präsidentenwahlen
statt, die Benzinversorgung wurde im Zusammenhang damit vor ein paar Tagen
privatisiert, das Benzin ist knapp und teuer. Von den hundertdreissig Taxis, die
in Morondava normalerweise im Einsatz stehen, fahren im Moment gerade noch
zwanzig. Ich kann ja kaum die sieben Schweizer Bundesräte ohne zu stocken aufzählen,
und so durchschaue ich auch die Präsidentenwahlen in Madagaskar nicht bis ins
letzte Detail, aber es scheint schon eine echt grosse Sache zu sein. Das sollten
wir in den letzten Tagen unserer Reise nochmals eindrücklich bestätigt
bekommen...
Vorerst
organisieren wir aber unser Ticket nach Tulear, verbringen den ganzen Nachmittag
auf der Bank, deren Angestellter drei Stunden braucht, um meine Travellercheques
zum falschen Kurs einzulösen und schaffen es dann gerade noch rechtzeitig zum
Sonnenuntergang an den Strand. Am Abend treffen wir im Hotel auf unsere beiden
sparsamen Österreicher aus Antsirabe. Auf die Gefahr hin, dass sich ihre
geplante Reisedauer etwas verkürzt, haben sie unterdessen ihre strengen
Budget-Vorgaben etwas gelockert, logieren sogar im gleichen Hotel wie wir und überlegen
sich allen Ernstes, ob sie einen Inlandflug buchen wollen. Wir denken, sie können
ihre Ferien, wenn auch für kürzere Zeit, auf diese Weise einiges mehr
geniessen.

Gar
nicht schlecht!
Wir
sind nicht schlecht erstaunt, dass am nächsten Tag die Ausstellung der Tickets
am Flughafen in Morondava ganz problemlos klappt und wir schon bald in das
Flugzeug der Air Madagascar einsteigen können. Flugzeug ist vielleicht etwas übertrieben...
Eine Twin Otter, eine zwölfplätzige Propellermaschine, soll uns also auf dem
Luftweg nach Tulear bringen. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, keine
flaues Gefühl in der Magengegend zu verspüren und Philippe reibt sich neben
mir auch bereits seine schweissnassen Hände.
Zu meiner unbändigen Freude wird uns vor Abflug mitgeteilt, dass diese Maschine
ausnahmsweise nicht direkt nach Tulear fliegt, sondern eine Zwischenlandung in
Manja vorgesehen ist. Vielen Dank...! Aber es gibt kein Zurück mehr. Zum Glück
ist Marc neben mir die Ruhe in Person und findet diesen Flug einfach nur
wahnsinnig spannend. Als wir ins Flugzeug einsteigen, stehen etwa zwanzig
Gepäckstücke auf dem Rollfeld, und jeder Passagier muss seinen Rucksack
identifizieren. Bei solch rigiden Sicherheitsvor-kehrungen kann ja nichts mehr
schief gehen... Und wir überleben
den Flug dann auch tatsächlich – nur: eine wirkliche Freude finde ich es beim
besten Willen nicht. Obwohl das Wetter wahrscheinlich ziemlich ideal für den
Flug ist, wird eine so kleine Maschine um ein Vielfaches rasanter in der Luft
herumgewirbelt als ich das je zuvor in den grossen Flugzeugen erlebt habe. Und
die Zwischenlandung auf dem „Internationalen Flughafen von Manja“ ist ein
Kapitel für sich. Als das Flugzeug zur Zwischenlandung ansetzt und ziemlich
zielstrebig Richtung Boden steuert, suchen Marc und ich vergeblich eine
Landepiste. Als wir dann Radspuren und einen Windsack mitten auf einem Grasfeld
entdecken, vermuten wir, dass in nächster Nähe wohl keine betonierte Rollbahn
mehr aufzutreiben ist und nehmen gottergeben das Gehüpfe und Gerumpel der
Maschine hin. Immerhin verfügt der Flughafen in Manja dann doch noch über ein
Flughafengebäude – es gleicht einem Unterstand einer Postautohaltestelle im
Oberwallis, die seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr bedient wird. Wir landen
dann aber schliesslich doch in Tulear, und Philippe, der bei jedem Luftloch nervös
zusammen-gezuckt ist und sich an den Vordersitz gekrallt hat, streicht den 13.
November 2001 wohl als schwärzesten Tag seines Lebens im Kalender an.
Tulear ist eine etwas staubige Stadt, aber wir beziehen
ein sehr schönes Hotel und ich genehmige mir ein köstliches Käsesandwich als
Kompensation für den Flugschreck. Am Abend verabschieden wir uns von Philippe
und Philippe, die noch ein paar Tage Strandurlaub in Ifaty geniessen möchten.
Uns drängt es in diesem Land weniger zu Sandstrand und Badetuch – sogar Marc
verzichtet ganz freiwillig und ohne unterschwellige Suggestionen meinerseits.
Wir wollen weiter zum Isalo-Gebirge.
Der Minibus fährt am nächsten Morgen auch tatsächlich
beinahe pünktlich los (wobei nach zwei Wochen Madagaskar auch noch eine Stunde
Verspätung „pünktlich“ ist). Natürlich stoppt der Bus jeweils schon nach
ein paar Metern um zuerst einmal zu tanken. Einen wirklich einleuchtenden Grund
dafür, dass die Taxi-Brousses nicht schon vollgetankt an der Haltestelle
warten, haben wir bis ans Ende der Reise nicht gefunden. Sie tanken dann auch
wirklich exakt nur gerade so viel, dass es knapp bis ans Zielort reicht.
Manchmal muss auch kurz vor dem Ziel noch 2.5 Liter nachgetankt werden.
Vielleicht sind die Benzinschläuche schon so spröde und leck, dass der Verlust
bei zu früh eingefülltem Benzin einfach zu gross wäre – oder vielleicht
kann der Chauffeur das Benzin erst durch den Erlös der verkauften Fahrkarten
berappen. Egal – beim Tanken wird der ganze Bus mitsamt den Fahrgästen darin
kräftig hin und her geschüttelt, damit sich das Benzin gut verteilt oder so
(noch so ein ungelöstes Rätsel) und dann kann es endlich losgehen Richtung
Ranohira. Unser Chauffeur ist ein Raser. Vielleicht hätten wir ihm sagen
sollen, dass sein Job nicht darin besteht, gegen andere Fahrzeuge Rennen zu
fahren. Diese Madagassen ... Camel Trophy und so... Wir sind darum froh als wir
mit beiden Beinen, Armen und Kopf ankommen und noch viel mehr froh, als wir auch
den ersten aufdringlichen Führer, der gleich beim Aussteigen auf uns zu gerannt
kommt, erfolgreich abgeschüttelt haben. Wir leisten uns ein Hotel mit Dusche
und Toilette im Zimmer – eine weise Entscheidung... Ein paar Stunden nachdem
wir Bekanntschaft mit zwei weltreisenden Kanadiern gemacht haben und sie uns
ausführlich von ihren Magen-Darm-Geschichten erzählt haben, macht sich bei mir mein köstliches Käsesandwich
aus Tulear bemerkbar. Das WC im Zimmer wird genutzt – rund um die Uhr.
Mit einer Tablette meine ich am nächsten Tag eine kurze
Wanderung zu überstehen. Aber kurz nach dem Start wird mir so übel, dass wir
die kurze Wanderung nochmals drastisch verkürzen. Schade, denn das Isalomassiv,
ein bizarres Sandsteingebirge, ist wunderschön und die Geschichten, die unser
einheimischer Führer zu erzählen weiss, sind wahnsinnig spannend. Als wir am
Dorfgefängnis vorbeigehen, erzählt er uns, dass dort immer wieder Zebudiebe
eingebunkert werden. Zebudieb ist in der Gegend von Ranohira ein höchst
ehrenvoller Beruf und wenn ein junger Mann auf dem Heiratsmarkt überhaupt nur
die geringste Chance haben möchte, so muss er seinen Mut und seine Stärke erst
einmal unter Beweis stellen. Einem erwischten Zebudieb winken fünf Jahre
schwedische Gardinen. Wir verziehen das Gesicht – das Gebäude sieht nicht
gerade so aus, als ob man darin fünf schöne Jahre verbringen könnte. Aber
unser Führer winkt ab. Seit ein paar Jahren werden in der Gegend rund um das
Isalogebirge Saphire gefunden – und der Polizeikommandant und der
Regierungschef und alle, die irgend einen Einfluss auf die Haftdauer haben könnten,
lassen sich damit leicht bestechen. Ein richtiger Krimi! Als wir dann hören,
dass in diesem Monat im Dorf bereits fünf Menschen wegen Zebus und Saphiren ihr
Leben lassen mussten (und wir haben erst Mitte Monat und das Dorf ist nicht
gerade riesig), wird es uns doch ein wenig mulmig zu Mute. Vahazas sind aber
bisher verschont geblieben und so machen wir uns unbesorgt zu den Wasserfällen
auf. Gegen Abend geht es mir dann besser. Als aber Marc in dieser Nacht einen
Kampf mit der am Abend eingenommenen Malariaprophylaxe ausficht, beschliessen
wir, das Isalo Isalo sein zu lassen und weiter zu reisen.
Wir haben Glück und dürfen am nächsten Morgen ganz
komfortabel und gratis mit den Hotelbesitzern nach Ambavalao fahren. Auf dem Weg
dorthin erblickt Marc am Strassenrand ein Taxibrousse mit Totalschaden. Unser
kurz vor der Pension stehender Chauffeur fährt aber sehr, sehr vorsichtig und
setzt uns sicher vor dem Hoteleingang ab. Wir logieren im Hotel der
Papierfabrik. Fasziniert beobachten wir, wie mit grossem Aufwand das Papier aus
den Blättern des Maulbeerbaumes gefertigt und mit frischen Blüten kunstvoll
verziert wird. Das Papier wird dann als Briefpapier, Lampenschirm, Tischset oder
Wandschmuck verkauft. Im Hotel treffen wir auch die beiden Kanadier Kate und
Cameron wieder. Ihre Stimmung ist jedoch auf dem Nullpunkt. Sie sind einen Tag
vor uns in Ambalavao angekommen. Das Taxibrousse, das kurz vor ihnen losgefahren
war, ist gegen einen entgegenkommenden Lkw geprallt. Als sie kurze Zeit später
beim Unfallort eintrafen, konnten sie nur noch helfen, Wunden zu verbinden und
Tote in vorbeifahrende Autos zu laden. Das Ganze hat ihnen verständlicherweise
sehr zu schaffen gemacht, und auch uns ist nicht mehr ganz wohl. Wir diskutieren
über den Sitzplatz im Taxibrousse mit der potentiell höchsten Überlebenschance.
Kate hat gelesen, dass der sicherste Platz zwei Reihen hinter dem Fahrer auf der
gegenüberliegenden Seite desselben sein soll. Wir hoffen ganz einfach, dass
wir, sowohl in Madagaskar wie auch in der Schweiz, nie in eine Situation kommen
werden, in der die Wahl des Sitzplatzes über Tod oder Leben entscheidet.
Das kleine Dorf ist sympathisch. Die Häuser aus der
Kolonialzeit sind inzwischen ziemlich verfallen, aber erinnern immer noch fern
an eine verlassende Wild-West-Stadt. Wir entdecken sogar ein heruntergekommenes
Freibad mit Sprungbrett und Liegewiese. Die Franzosen haben ihr Leben hier
wahrscheinlich genossen. Die wenigen Touristen, die wegen des berühmten Papiers
hierher kommen, halten sich wahrscheinlich vorwiegend im Hotel und im Zentrum
des Dorfes auf. Als wir uns bis zum Dorfrand vorwagen, werden wir gleich zur
Wochenattraktion. Überall kommen Menschen aus den Häusern gerannt, überall
wird mit den Fingern auf uns gezeigt, überall wird uns ein freundliches
„Salama Vahaza – Hallo Fremder“ zugerufen. Ein grosses Rassenbewusstsein
ist im ganzen Land nicht von der Hand zu weisen und auch nicht zu umgehen – zu
gross sind die Unterschiede, zu unbekannt (glücklicherweise) noch die weissen
Gesichter. Doch nirgends auf unserer ganzen Reise hätte dieses Bewusstsein in
Rassismus umgeschlagen. Das Verhalten der Menschen ist stark von freundlicher
Neugierde statt von Diskriminierung geprägt. Wir könnten uns eine Scheibe
davon abschneiden... Trotzdem muss ich unterwegs immer wieder lachen, wenn ich
daran denke, dass sich Marc kurz vor der Abreise noch überlegt hat, einen
anderen Rucksack zu kaufen, der ein „bisschen weniger touristisch aussieht“.
Sich in diesem Land nicht als Tourist outen zu wollen, ist ein
aussichtsloses Unterfangen.
Am nächsten Morgen klingelt der Wecker schon vor sechs
Uhr, damit wir rechtzeitig ein Taxi-Brousse nach Fianarantsoa erwischen. Wir
warten dann doch bis neun Uhr an der Station. Aber langweilig wird einem beim
Warten nie. Für Unterhaltung sorgt an diesem Morgen ein älterer Mann mit
Alkohlfahne, der unbedingt 500 Fmg für Kautabak von uns haben möchte. Ich
versuche ihm zu erklären, dass Tabak nicht gut für ihn sei und er davon krank
werden würde. Er scheint es, wie erwartet, kaum zu verstehen und die wartenden
Passagiere amüsieren sich köstlich über meine merkwürdigen Ausführungen.
Bevor der Kautabäkler schlagende Argumente für seine Sucht findet, drängt der
Chauffeur zum Aufbruch. Wir sitzen neben dem Fahrer und sind wild entschlossen,
sollte er sich als potentieller Raser herausstellen, rigoros einzugreifen. Aber
unser Fahrer ist eher eine potentielle lahme Ente – uns ist es an diesem Tag
sehr recht. Wir fahren an kunstvoll angelegten, tiefgrünen Reisterrassen vorbei
nach Fianarantsoa. Dort angekommen sind wir uns nicht einig, ob wir sofort
weiter zum Nationalpark von Ranomafana fahren oder ob wir eine Nacht in
Fianarantsoa verbringen wollen. Wir fahren zu einem Hotel, das uns von zwei
Australiern dringendst empfohlen worden ist. Leider ist es schon ausgebucht. Wir
reservieren für den Montag und beschliessen, in diesem Fall doch weiter zu
fahren. Marc ist nicht sehr glücklich darüber, dass wir das Hotel bereits
bezahlt haben und darum auf diesen Montag festgelegt sind. Irgendwie hat er
Recht, aber schlimmstenfalls lassen wir das Geld halt sausen. Um zehn Uhr sind
wir wieder an der Taxibrousse-Station und lassen uns versichern, dass um elf Uhr
dreissig ein Taxibrousse nach Ranomafana fahren würde. Wir gehen also kurz in
die Stadt und stehen pünktlich um halb zwölf wieder an der Station. Um zwei
Uhr Nachmittags fragt Marc den Chauffeur, wieviel Passagiere denn noch fehlen würden
bis das Taxi losfahre. Der Chauffeur, ein geschäftstüchtiger junger Mann,
sagt, dass noch sieben Fahrgäste fehlen und fragt im gleichen Atemzug, ob wir
die Tickets nicht kaufen wollen, um sofort losfahren zu können. Sieben
Personen! Wir zweifeln daran, dass sich diese Menschen überhaupt noch heute
auftreiben lassen würden. Um drei Uhr bieten wir dem Chauffeur an, nochmals
zwei Tickets zu kaufen, wenn wir wirklich sofort losfahren würden. Er willigt
nach längerer Rechnerei ein, wir bezahlen, er verschwindet. Als wir ihn endlich
finden, kann er nicht mehr länger warten. Endlich geht es los. Bis zur
Tankstelle. Tanken. Dann wieder zurück zur Taxibrousse-Station. Dann nochmals
zur gleichen Tankstelle. Wir bräuchten jetzt dringend einen Box-Sack... Der
Benzinkanister wird für den Notfall gefüllt und neben die Gasflasche geladen.
Zusätzlich bekommen wir Gesellschaft von etwa hundert Kisten und eben so vielen
Passagieren. Noch nie zuvor hatten wir in einem Taxibrousse so wenig Platz wie
auf der Fahrt nach Ranomafana, als stolze Besitzer von vier Tickets. Macht alles
nichts. Die Fahrt ist amüsant und bei Einbruch der Dunkelheit werden wir am
Parkeingang des Nationalparks abgeladen. Wir sind sehr gespannt auf unseren
ersten madagassischen Nationalpark. Und wir sind gleich am ersten Abend
begeistert. Beim Nachtessen landen auf der Hotelveranda handgrosse Riesenfalter,
Gottesanbeterinnen, schwarze Hirschkäfer, Falter die einem Laubblatt zum
Verwechseln ähnlich sehen, Käfer mit komischen Hörnern auf der Nase. Ein so
spannendes Abendessen haben wir schon lange nicht mehr genossen!

Warten auf ein Taxi-Brousse nach Ranomafana
Wir
sind am nächsten Tag schon sehr früh am Parkeingang und wählen eine nette
Frau als Führerin. Mit ihr entdecken wir auf einer vierstündigen Wanderung
durch den Park eine sich sonnende Boa, herumturnende Braunlemuren, Bambuslemuren
und zwei selig schlafende Makis. Am Nachmittag wandern wir zwei Stunden bis ins
Dorf von Ranomafana, genehmigen uns dort ein „Sandwich à omelette“, erklären
es definitiv zu unserer kulinarischen Neuentdeckung und schauen zu, dass wir
rechtzeitig zur Nachtwanderung wieder am Parkeingang stehen. Der nächtliche
Ausflug ist einerseits sehr interessant und andererseits eine Enttäuschung. Die
nachtaktiven Mausmakis, die kleinste Lemurenart, die nur etwa fünfzig Gramm
wiegt, und der Fossa, ein Nachttier, das an einen Fuchs oder eine Wildkatze
erinnert, werden von den Führern mit Fleisch und Bananen angelockt. Bereit für
die Vorstellung stehen dann jeweils etwa zwanzig Touristen in Reih und Glied,
die Kamera im Anschlag. Welch ein Unterschied zum heutigen Morgen, als wir uns
durchs Dickicht gekämpft haben und uns fast nicht zu bewegen getrauten, wenn
wir hoch oben in den Baumwipfeln eine Lemurenfamilie entdeckten. Trotzdem gibt
einem die nächtliche Fütterung natürlich die Chance, die Tiere ganz aus der Nähe
betrachten zu können. Wir warten am Fütterungsplatz bis die andern Touristen
und die Führer gegangen sind und geniessen die putzigen Tierchen noch ein wenig
für uns alleine. Als es aber definitiv dunkel wird, bekomme ich Angst, ohne Führer
nicht mehr aus dem Wald herauszufinden. Und so folgen wir dem gleichen Weg zurück,
den wir gekommen sind. Marc wäre gerne noch ein wenig weiter auf
Entdeckungstour gegangen. Als wir aber auf dem Rückweg auf eine amerikanische
Gruppe mit ihrem kompetenten Führer stossen, sind die Wünsche von uns beiden
erfüllt. Mit der Gruppe zusammen entdecken wir unter anderem das weltweit
kleinste Chamäleon „Brookesia minima“, das nicht grösser als ein Daumen
ist - „oh my God – it’s
amazing!“. Wir lassen unserer amerikanischen Freunde ziehen und geniessen beim
Parkausgang ganz im Stillen den Anblick von Dutzenden von Glühwürmchen, die
durch die dunkle Nacht schwirren.
Als wir zur Gite zurückkehren, treffen wir dort auch
wieder die beiden Kanadier Kate und Cameron. Ausserdem unterhalten wir uns mit
zwei Männern aus Deutschland, die uns für morgen eine Mitfahrgelegenheit zurück
nach Fianarantsoa anbieten. Wir geniessen diesen letzten Abend auf der gemütlichen
Veranda sehr und kriechen dann müde in unsere Doppelstockbetten.
Am nächsten Morgen stehen wir schon früh an der
Strasse. Um neun Uhr tauchen die beiden Deutschen auf, und unsere
Mitfahrgelegenheit fällt in doppelter Weise ins Wasser. Erstens hat ihr Fahrer
über Nacht ein viel kleineres Auto organisiert. Wir hätten mit unserem Gepäck
nur bei erheblichem Gequetsche Platz. Das erhebliche Gequetsche ist dann aber
wegen einem anderen erheblichen Faktor nicht gerade angesagt: das Hähnchen, das
die beiden Männer gestern gegessen
haben, war nicht aus der Delikatessa von Globus und die Armen haben die ganze
Nacht auf der Toilette verbracht. Der Eine kann sich kaum noch auf den Beinen
halten und erbricht fortlaufend. Wir wünschen ihnen viel Glück und fragen uns,
wie sie die dreistündige Holperfahrt überstehen werden. Wir sind froh, kein Hähnchen
gegessen zu haben und machen uns daran, eine andere Mitfahrgelegenheit zu suchen
indem wir uns an den Strassenrand stellen, um vorbeikommende Autos anzuhalten.
Das ist aber gar nicht so einfach. Immerhin sind wir lernfähig: Nach über
einer Stunde haben wir die Anhaltetechnik (energisches Winken) ganz gut drauf.
Leider kommt diese nicht all zu oft zur Anwendung. Die wenigen Fahrzeuge, die
vorbeikommen, fahren alle Richtung Tana, und so schnell zurück in die
Hauptstadt wollen wir nun doch nicht. Nach ein paar Stunden hält ein Monstrum
von einem Bananentransporter vor uns, der uns nach Fianarantsoa mitnehmen will.
Wir bezahlen ihm dafür etwa den gleichen Preis, den wir auch für das
Taxi-Brousse hätten bezahlen müssen. Als wir unsere Rucksäcke hinten in den
Lastwagen laden, sehen wir, dass dieses Fahrzeug nicht nur eine Unmenge von
Bananen, sondern auch eine ganze Schar von Frauen, Männern und Kindern an die
Westküste transportiert. Vom Hafen in Manakara an der Ostküste, wo dieser
Transport heute Morgen losgefahren ist, bis an sein Ziel Tulear rechnet der
Chauffeur gut zwanzig Stunden Fahrzeit. Ich
beobachte nachdenklich eine junge Frau, die mit ihrem kleinen Baby
zwischen zwei Bananenkörben auf der Ladefläche hockt. Wir dürfen aber für
die kurze Strecke nach Firnarantsoa in der komfortablen Führerkabine Platz
nehmen. Da es nicht für alle Platz hat, wird der Co-Chauffeur ausquartiert und
hängt sich seitlich an den Lkw. Auch schön... Im Schneckentempo sucht sich der
Fahrer einen Weg zwischen den vielen Schlaglöchern hindurch. Nach etwa zwei
Stunden geht erstmals ein aufgeregtes Murmeln durch den Lastwagen. Leute auf der
Strasse werden nach allfälligen Polizeikontrollen gefragt. Bald darauf stoppt
der Lastwagen, unsere Passagiere kraxeln zwischen den Bananenstauden hervor und
biegen zu Fuss in einen Feldweg ein, der parallel zur Strasse in die gleiche
Richtung führt. Tatsächlich werden wir ein paar hundert Meter weiter von einer
Strassenkontrolle angehalten. Unser Chauffeur lächelt den Polizeikommandanten
zuckersüss an, wir zeigen unsere Schweizer Pässe und alles ist paletti. Hinter
der nächsten Kurve warten wir auf unsere Spaziergänger und fahren bald darauf
weiter. Das ganze Szenario wiederholt sich noch mehrere Male. Das Buschtelefon
in Madagaskar scheint hervorragend zu funktionieren. Nie werden wir von einer
Polizeikontrolle unerwartet überrascht. Wir schätzen, dass unser guter Fahrer
schlichtweg keine Bewilligung hat, Personen zu transportieren. Wir lächeln ihm
verschwörerisch zu und hoffen, dass diese merkwürdigen Aktionen keinen andern
Grund haben. Jedenfalls werden wir sicher in Fianarantsoa abgesetzt und machen
uns auf zum bereits reservierten Hotel. Unser Zeitplan ist aufgegangen, der
Rezeptionist kann sich noch an unsere Reservation erinnern und wir beziehen ein
Luxuszimmer. Irgendwie hat mir der einfache Schlafsaal in der Gite von
Ranomafana besser gefallen als dieses noble Hotel, wo man das Gefühl hat, jeder
Angestellte lächelt nur für ein
Trinkgeld. Die Herzlichkeit und Fröhlichkeit der Madagassen war an andern Orten
besser zu spüren. Vielleicht ist es aber auch nur das schlechte Gewissen, in
einem Hotel mit europäischem Standard abzusteigen, während andere vor der
Hotelpforte hungern. Als ich zum Fenster hinaus schaue, sitzt auf der Strasse
ein bettelnder Mann mit zwei kleinen Kindern. Er entdeckt mich und deutet mir,
dass seine Kinder nichts zu essen hätten. Ich fühle mich grässlich, wie ich
da im obersten Stock eines schönen Hotels stehe und auf diese Armut hinab
schaue. Wir kaufen dem Mann später zwei Brote und er fällt vor Dankbarkeit
fast auf die Knie. Meine Laune war schon besser.
Am Nachmittag erkundigen wir die Haute-Ville von
Fianarantsoa. Und als wir den Hügel hinauf steigen und die schönen
Kolonialbauten bewundern, beschleicht mich wieder dasselbe Gefühl: die Reichen
in ihren schönen Häusern der Haute-Ville, die auf den Dreck und die Armut der
Basse-Ville hinab schauen. Wenn die Welt eine Stadt wie Fianarantsoa wäre, dann
würden wir Schweizer wohl am höchsten Punkt der Haute-Ville wohnen – dort wo
man die ganze Armut und den ganzen Morast überblickt. Aber wir schliessen die
Augen. Ich weiss, dass ich einfach nur dankbar sein kann, in der Schweiz wohnen
zu dürfen und ich weiss, dass es niemandem helfen würde, wenn ich mich in
einem Karton an den Strassenrand legen würde. Aber manchmal schaffe ich es
einfach nicht. Manchmal kann ich einfach nur ganz, ganz schlecht mit diesem
grossen Problem der ungleichen Verteilung und der Tatsache, dass auch ich es
nicht lösen werde, umgehen. Zudem zerrt an diesem Nachmittag eine Schar Knaben
ernsthaft an unsern Nerven. Die kleinen Buben haben sich zu Fremdenführern
ernannt und verfolgen uns, in der Hoffnung auf ein Trinkgeld für ihre Dienste,
auf Schritt und Tritt. Wir erinnern uns an eine ähnliche Situation in Vietnam
und versuchen ihnen in aller Deutlichkeit klar zu machen, dass wir lieber
alleine unterwegs wären. Es nützt alles nichts. Wir hätten sie an den nächsten
Baum fesseln müssen, um sie loszuwerden. Auswüchse des Tourismus.
Nicht nur meine gute Laune leidet an diesem Tag, auch die
Harmonie in der Beziehung zu Marc ist nicht gerade auf dem Höhepunkt. Marc
spricht die Situation glücklicherweise beim Abendessen an und wir reden lange
darüber. Obwohl wir beide dieses Land phantastisch finden, ist so eine Reise
nicht ohne Schwierigkeiten. Abgesehen davon, dass man vierundzwanzig Stunden am
Tag sehr intensiv zusammen lebt, Entscheidungen fällen und
Kompromisse eingehen muss, steht jeder Einzelne vor der grossen Aufgabe,
all diese Eindrücke für sich selbst auf die Reihe zu kriegen und sie an einem
Ort einzuordnen, wo man sie ertragen kann. Mir ist das an diesem Tag nicht recht
gelungen und ich spüre wieder einmal deutlich, dass die wichtigste
Voraussetzung für zwischenmenschliche Beziehungen ganz allgemein wohl darin
besteht, dass man mit sich selbst im Lot ist. Das Gespräch an diesem Abend
hilft mir sehr. Ich kann mit mir selber wieder Frieden schliessen und merke, wie
viel näher ich dadurch auch wieder Marc bin. Ich bin sehr froh, mit ihm
unterwegs zu sein und mit ihm alles teilen zu dürfen.
Als wir tags darauf den Weg zur Taxi-Brousse-Station
einschlagen, hoffen wir sehr, dass wir heute nicht ganz so lange auf unsere
Fahrgelegenheit warten müssen wie das letzte Mal. Die Station kennen wir
unterdessen nämlich auswendig. Unsere Befürchtungen sind unbegründet. Schon
als wir in der Nähe der wartenden Taxi-Brousses auftauchen, reissen uns die
ersten Chauffeure bereits die Rucksäcke vom Rücken. Wie zwei alte Profis wählen
wir ein bereits gut besetztes Fahrzeug und fahren – halleluja – auch gleich
los. Es geht Richtung Abositra.

An der Taxi-Brousse-Station
von Fianarantsoa
Die Fahrt dauert nicht sehr lange. Wir haben die Zutaten
für unser gewohntes Frühstück gekauft und quetschen im Taxi-Brousse eine
Banane in ein ausgehöhltes Baguette – uns
schmeckt dieses Früchte-Hot-Dog so gut wie Zuhause der Sonntagszopf. Kaum haben
wir unseren „Brunch“ beendet, kommen wir auch schon in Ambositra an. Wir
nehmen unsere Rucksäcke vom Fahrzeugdach und machen uns zielstrebig auf die
Suche nach dem Hotel, das unser Reiseführer empfiehlt. Wir haben jedoch noch
nicht den halben Weg dorthin zurück gelegt, als uns zwei Touristen sagen, sie
seien auch heute erst angekommen, würden jetzt aber direkt weiter nach
Antsirabe fahren: alle Hotels der Stadt seien ausgebucht. Oh du fröhliche...
Wir verstehen die Welt nicht mehr. Wir kommen dem Geheimnis jedoch rasch auf die
Spur: der Staatspräsident hat für morgen seinen Besuch in Ambositra angekündigt.
Wir haben ihn ja nicht persönlich eingeladen, aber unser Hotelproblem löst
sich dadurch auch nicht. Doch wir haben Glück und finden ein nicht gerade
luxuriöses aber doch akzeptables Zimmer mitten im Zentrum. Und als wir dann
noch entdecken, dass die Dusche im Gang tatsächlich warmes Wasser spendet,
kennt unsere Freude keine Grenzen mehr.
Der heutige Tag steht ganz im Zeichen des Shoppings.
Ambositra ist bekannt für seine kunstvollen Holzschnitzereien. Und so reiht
sich dann auch Laden an Laden. Man findet alles: hölzerne Kugelschreiber,
Holzstatuen, Holzmasken, Holzstühle, Holzkästchen,
Holzautos, Holzteller...alles. Jeder Verkäufer verkauft bessere Qualität als
der Laden nebenan, jede (teurere) Statue hat eine vollendetere „finissage“
als die vorherige (preiswertere). Nach so anstrengendem Einkaufen und Handeln gönnen
wir uns im „Grand Hôtel d’Ambositra“ ein „Sandwich à omelette“,
neben dem Bananen-Hot-Dog zum Frühstück unsere Leibspeise am Mittag. Das
Sandwich ist dann allerdings so riesig, fettig und unknusprig, dass wir uns schwören,
dass es das letzte Sandwich à omelette dieser Reise war. Marc hält sich genau
drei Tage an diesen Vorsatz. Vorerst ist ihm allerdings schlecht von diesem
„mindestens-10-Eier-Fladen“. Und nachdem wir auch noch vergebens die Käseproduktion
der Benediktinermönche gesucht haben, kehren wir ins Hotel zurück, um uns zu
erholen. Abends unterhalten wir uns mit einem Pärchen aus Frankreich, das mit
seinem Führer im Hoteleingang sitzt. Sie werden noch etwa zehn Tage in
Madagaskar verbringen, möchten unbedingt das Isalogebirge, den Nationalpark in
Ranomafana und Tulear besuchen und die Flussfahrt nach Belo und die Bahnfahrt
nach Manakara machen. Ausserdem wollen sie am Ende ihrer Ferien noch rasch auf
die Ile Ste. Marie im Nordwesten fliegen, um sich ein wenig zu erholen. Kurz
zusammengefasst, planen sie etwa doppelt so viele „Highlights“ wie wir im
ganzen Monat. Ihr Führer macht ihnen dazu völlig unsystematische Vorschläge.
Es ist ihre Art zu reisen, nicht unsere. Aber es beschleicht mich das leise Gefühl,
dass sie bei dieser „Hetzjagd“ ihr eigentliches Reiseziel verpassen:
Madagaskar und seine Menschen werden sie auf diese Weise nicht kennenlernen –
mora mora...
Wir beschliessen, ein Dorf der Zafimaniry aufzusuchen.
Ihr Siedlungsgebiet liegt im Regenwald, südöstlich von Ambositra. Die Dörfer
sind weit verstreut und meist nur, mehr oder weniger mühsam, zu Fuss zu
erreichen. Bekannt ist der Volksstamm vor allem für seine Holzschnitzkunst. Die
Türen und Wände ihrer Holzhütten sollen reich verziert sein.
Wir stehen also um sechs Uhr morgens an der
Taxi-Brousse-Station und suchen ein Auto, das uns nach Antoetra mitnimmt. An
diesem Mittwoch ist das kein all zu schweres Unterfangen, weil im Dorf der wöchentliche
Markt stattfindet. Zwei Stunden holpern wir über Schotterwege. Wir frieren,
weil sich der Morgennebel nicht wie in der Ebene verzieht, sondern eisig in den
Bergen festhängt. Die Scheiben des Autos lassen sich natürlich auch nicht hoch
kurbeln, und so bibbern wir, in unsere Regenjacken gehüllt, die ganze Fahrt vor
uns hin. In Antoetra stellen wir fest, dass die Bevölkerung, so abgelegen
dieses Dorf auch ist, den spärlichen Tourismus sehr gut zu nutzen weiss. Zuerst
werden wir zum Bürgermeister geführt, der uns sehr formell in seinem Dorf
willkommen heisst und dann aber gleich auch „Eintrittsgebühren“ für den
Ort verlangt. Die Gebühren betragen „soviel wie wir für richtig und gut befänden,
wie es unseren Möglichkeiten entspräche – aber mindestens 10 000 Fmg.“ Wir
beschliessen, dass 10 000 Fmg so ziemlich genau unseren Möglichkeiten
entspricht. Kaum sind wir dem Bürgermeister entronnen, stellt sich die nächste
schwierige Aufgabe ab diesem Tag: wir brauchen einen Führer, der uns in eines
der Zafimaniry-Dörfer bringt. Die Jugendlichen aus dem Dorf gleichen der Mafia.
Sie nennen für die vierstündige Wanderung einen völlig überhöhten Preis. Da
wir uns zuvor in Ambositra erkundigt haben, wissen wir aber ziemlich genau, was
wir einem Führer zu bezahlen haben. Nach mühsamen Diskussionen sagen sie uns,
dass unsere Preisvorstellung höchstens für einen kleinen Knaben reichen würde,
der nur sehr schlecht französisch spräche. Uns ist das völlig egal. Wir
brauchen keinen Neunmalklugen, sondern jemanden, der den Weg kennt. Marcellié,
zwölf Jahre alt, kennt den Weg sehr genau und hat eine Kondition, die uns alt
aussehen lässt. Da nützen auch meine neuen Raichle-Wanderschuhe nichts –
gegen den barfüssigen Jungen, der wie ein junges Reh von Stein zu Stein hüpft,
habe ich keine Chance. Die Wanderung führt uns über mehrere Hügelzüge und
durch einmalige Landschaften. Wir kreuzen immer wieder Menschengruppen, die
schwere Stühle und Tische, Hühner und Reissäcke nach Antoetra zum Markt
tragen. Nach zwei Stunden entdecken wir in einem Talkessel das kleine Dorf
Ifasina. Die bescheidenen Holzhütten sind malerisch in Reisfelder
verschiedenster Grüntöne eingebettet, aber die Einsamkeit und Abgelegenheit
eines bündnerischen Bergdorfes ist nichts gegen die Lage dieses
Zafimaniry-Dorfes – und es ist das Dorf, das für Touristen weitaus am
einfachsten zu erreichen ist!

Unser kleiner Führer Marcellié
Zuerst werden wir in die Hütte des Dorfältesten geführt.
Er spricht kein Französisch, aber Marcellié übersetzt mit seinen spärlichen
Kenntnissen. Wir bezahlen dem Dorf wiederum 10 000 Fmg „Kurtaxen“ und ich übergebe
dem alten Mann zwei Schreibtafeln und ein paar Bleistifte für die Dorfschule.
Er schweigt darauf lange und spricht dann seinen Dank aus. Dieser Mann strahlt
eine immense Autorität aus. In der Holzhütte des Dorfältesten, deren Wände
vom Rauch des offenen Feuers schwarz gefärbt sind, umringt von in Lumpen gehüllten
Kindern fühlen wir uns um Jahrhunderte zurück versetzt. Anschliessend erkunden
wir das kleine Dorf. Alles hier ist sehr ärmlich – darüber können auch die
wirklich schönen geschnitzten Ornamente an den Hauswänden nicht hinweg täuschen.
Während sich die erwachsenen Dorfbewohner bei unserem Anblick eher scheu in die
Häuser zurückziehen, sind wir während unserem Besuch dauernd von neugierigen
Kindern umringt. Viele von ihnen haben einen rot verschmierten Mund. Statt sich
wie die Kinder in der Schweiz am Kiosk Gummibärchen zu kaufen, schlecken die
Kinder in Ifasina nämlich Brombeeren. Sie füllen die Früchte in einen hölzernen
Mörser, zerdrücken sie mit einem Holzstab zur dunkelroten Sauce und schlecken
dann genussvoll und schmatzend an diesem Stab. Die paar Holzhütten und das
einzige steinerne Gebäude, das gleichzeitig Versammlungsraum, Kirche und Schule
ist, haben wir bald betrachtet, und wir verabschieden uns winkend von den
Kindern. Marcellié schreitet auf dem Rückweg nicht minder rasch voran und während
wir uns die Hügel hoch kämpfen, findet er noch Zeit, mit seinem Stock Grillen
vom Baum zu schlagen und sie in seinen Hosensack zu stecken. Ab und zu zirpt es
laut und energisch aus seiner Hose... Vor dem Abstieg, hinunter nach Antoetra,
geben wir ihm seinen Lohn, ein Schreibheft und ein paar Stifte, über die er
sich sehr freut, und lassen ihn ziehen. Wir wollen uns noch ein wenig in die
Sonne setzen und die herrliche Aussicht über das Tal geniessen.
<at the moment not available>
Kinder im Zafimaniry-Dorf Ifasina
Als wir um zwei Uhr Nachmittags wieder an unserem
Ausgangspunkt anlangen, erkennen wir das Dorf fast nicht wieder. Der Markttag
hat seinen Höhepunkt erreicht. Auf der schmalen Dorfstrassen drängeln sich nun
die Leute dicht an dicht zwischen den Ständen hindurch. Unsere Interessen
zielen hingegen eher darauf hin, ein Taxi-Brousse für die Rückfahrt zu
organisieren. Diejenigen Taxis, die in absehbarer Zeit zurück nach Ambositra
fahren, sind jedoch schon alle ausgebucht. Die anderen Fahrzeuge, die noch freie
Plätze haben, warten bis der Markt um halb fünf zu Ende ist und fahren erst
dann. Amen. Unterdessen brennt die Sonne heiss und wir haben nicht sonderlich
Lust, über zwei Stunden in diesem staubigen Dorf zu warten. Es gibt hier keinen
Laden, wo man etwas zu trinken kaufen, keinen Schatten, wo man sich hinsetzen könnte.
Also positionieren wir uns vor dem Gemeindehaus und hoffen, dass die Zeit
schnell vorbei geht. Nicht gerade förderlich dafür sind die beiden Kinder, die
unbedingt meine Haarspangen, die ich an diesem Tag im Haar trage, haben wollen
und nach mehrmaligem „Non, ce sont les miennes“ einfach versuchen, sie mir
aus dem Haar zu reissen. Erst nachdem Marc ihnen sagt, sie seien kleine Diebe,
machen sie sich aus dem Staub. Bald darauf fährt ein Auto auf den Dorfplatz,
das uns bekannt vorkommt. Es ist der junge Fahrer, der uns am Morgen hierher
gebracht hat. Marc rennt schnell zu ihm und schafft es, einen Platz für uns zu
reservieren. Super! Ausser uns quetschen sich noch ein Militärmensch mit
Gewehr, ein Lehrer, drei Jungs, ein Mädchen und ein Huhn in den Peugeot. Die
Taschen werden in den Kofferraum verfrachtet und los geht’s. Nach einer halben
Stunde Fahrt, während der wir immer wieder die deutschen und englischen Sprachkünste
des Lehrers bewundern müssen, merkt unser Fahrer, dass der Kofferraum wohl
nicht richtig geschlossen ist. Die Tasche des Offiziers fehlt. Sehr gut. Wir
fahren also nochmals zurück und fragen jedes entgegenkommende Auto nach der
Tasche. Niemand hat sie gesehen. Eine halbe Stunde später stehen wir wieder im
Marktgetümmel – und haben die Tasche immer noch nicht. Unterdessen ist der
Markt zu Ende und all die andern Fahrzeuge machen sich ebenfalls auf den Weg
nach Ambositra. Wir schliessen uns also der Autokolonne an und versuchen es noch
einmal mit der Rückfahrt. Der Militärfritz kann nicht begreifen, warum wir
seine Tasche nicht am Strassenrand entdecken. Marc und ich sind, obwohl wir
schon oft die madagassische Ehrlichkeit erleben durften, überzeugt, dass in so
einem armen Land durchaus die Möglichkeit besteht, dass jemand die Tasche
mitgenommen hat. Wäre ja doof, eine verlorene Tasche einfach am Wegrand liegen
zu lassen. Nach weiteren zwei Stunden und bei Anbruch der Dämmerung wähnen wir
uns schon ganz in der Nähe von Ambositra, als das Auto plötzlich stehen bleibt
– kein Benzin mehr. Unser Chauffeur, der ganz nach madagassischer Sitte nur
gerade so viel getankt hat, dass es für den Weg reicht, konnte ja nicht ahnen,
dass der Kofferraum nicht richtig schliessen würde, dass die Tasche des Militärmenschen
hinaus... egal. Wir warten. Wir warten lange. Endlich bringt ein anders Auto
unseren Fahrer samt vollem Benzinkanister zurück und wir schaffen die letzten
zehn Minuten bis zum Dorf. Wir sind froh, wieder im Hotel zu sein, und als sich
unser Magen dann noch mit einem phantastischen „Mi sao“ füllt, sind wir
rundum glücklich. Der Tag war anstrengend, aber sehr eindrücklich.
Der letzten Tag in Abositra beginnt mit einem merkwürdigen
Gefühl. Erstens werden wir heute zurück nach Antsirabe fahren, dort wo unsere
Flusstour ganz zu Beginn der Reise ihren Anfang nahm, und zweitens werden wir
bereits in einer Woche wieder in Zürich landen. Während man sich in einem
solchen Land die erste Zeit eher unbeholfen, überfordert und sehr fremd fühlt,
wird es nach und nach zu einer Art Zuhause. Man ist vertraut. Vertraut mit den
Menschen, vertraut mit den Bildern, vertraut mit unübersichtlichen
Taxi-Brousse-Stationen, vertraut mit hartnäckigen Händlern, vertraut mit
„Vahaza“-schreienden Kindern. Und obwohl wir uns sehr auf die Schweiz,
unsere Familie und unsere Freunde freuen, wird es auch traurig sein, all dies zu
verlassen. Aber vorerst geniessen wir es noch, schleppen unsere immer schwerer
werdenden Rucksäcke zur Taxi-Brousse-Station und erkundigen uns nach einem
Fahrzeug nach Antsirabe. Da wir am Tag zuvor keine Zeit und keine Lust mehr
hatten, Holzstatuen als Souvenir zu kaufen, beschliessen wir, dass Marc auf das
Gepäck aufpasst und ich nochmals ins Dorf zurückkehre, um die Statuen zu
holen. Marc versichert mir, ich solle mir Zeit lassen, und ich hoffe, dass er
die Zeit gut übersteht. Taxi-Brousse-Stationen sind nicht die angenehmsten Orte
der Welt, um Stunden zu verbringen – zu viele Chauffeure, zu viele Händler,
zu viel Sonne, zu wenig Schatten, zu viel Dreck.
Als erstes wage ich mich direkt in die Höhle des Löwen,
in einen Laden, den wir bereits am ersten Tag besucht haben und der eine
wunderschöne Statue einer Frau mit einem Kind an der Hand, aber auch einen
ziemlichen Drachen von Besitzerin beherbergt. Die Statue ist mit einem Preis von
160 000 Fmg angeschrieben. Als ich der Verkäuferin sage, dass ich ihr nicht
mehr als 50 000 Fmg bezahlen kann, beginnt sie, meinen Rucksack zu durchsuchen
und nach Dingen zu fahnden, die ich als „supplément“ zu den 50 000 Fmg dazu
legen könnte. Sie wird dann auch fündig und ist bereit, mir die Statue für 50
000 Fmg plus meiner Goretex-Jacke zu überlassen. Ich wage nicht auszurechnen,
was meine heiss geliebte Jacke in der madagassischen Währung kosten würde und
schüttle den Kopf. Sie gibt aber nicht auf und bietet mir am Schluss sogar ein
komplettes Schachspiel mit Figuren an. Aber meine Jacke gehört mir. Ich sage
ihr, dass 60 000 Fmg mein letztes Angebot sei, und als sie darauf die Hände zum
Himmel wirft, verlasse ich den Laden. So schlecht scheint mein Angebot aber doch
nicht gewesen zu sein. Kaum bin ich wieder auf der Strasse, höre ich ihre
eiligen Schritte und ein lächelndes „vous êtes dure, madame“... da haben
sich ja zwei Drachen gefunden...
Nachdem ich noch bei einem anderen Laden vorbei geschaut
habe, kehre ich wieder zur Taxi-Brousse-Station zurück. Ich bin glücklich,
Marc ist es weniger. Er behauptet, ich sei mindestens zweieinhalb Stunden weg
gewesen. Wir einigen uns dann auf eine Stunde. Ich kann mir aber gut vorstellen,
dass an diesem Ort, umringt von aufdringlichen Händlern, sogar zehn Minuten
eine Ewigkeit sein können. Marc hat sich unterdessen ein madagassisches
Sackmesser erstanden. Ich bezahle das Taxi-Brousse nach Antsirabe und merke erst
auf der Fahrt, dass ich dem Chauffeur das Doppelte von dem bezahlt habe, was er
eigentlich verlangt hat – er hatte mir den Preis für beide Tickets genannt
und ich habe angenommen, es sei der Preis für eine Fahrkarte. Halb so schlimm.
Zum Ausgleich steigen wir dann in Antsirabe im günstigen Hotel „Kabary“ ab.
Dort waschen wir zum letzten Mal unsere Wäsche und machen uns dann zum Bummel
durch das vertraute Städtchen auf. Es ist ein bisschen wie ein Heimkommen. Wir
kennen die Strassen, die Hotels, die Restaurants, die Pousse-Pousses. Ich möchte
heute unbedingt noch die „Zebu Overseas Bank“ suchen. Das
Projekt unterstützt bedürftige Familien, indem es einen Kredit in Form
eines Zebus erteilt. Die Bauern dürfen dann Milch und Kälber behalten, sind
dadurch fähig den jährlichen Zins zu begleichen und können das Zebu nach und
nach abzahlen, bis es in ihren Besitz übergeht. Schon vor der Zebubank spricht
uns eine zierliche Frau an, in Lumpen gehüllt, mit einem Baby auf dem Rücken.
Sie fragt nach Geld, Seife, Kleider. Verzweifelt stammelt sie einige Worte in
ihrem besten Französisch, das für uns jedoch einem unverständlichen Wörterwirrarr
gleichkommt. Wir geben ihr ein paar Münzen und die kleine Hotelseife. Als wir
nach einigen informativen Minuten wieder aus der Bank hinaustreten, steht sie
noch immer dort. Wir versuchen ihr zu erklären, dass wir nicht mehr für sie
tun könnten. Doch sie hat noch ein ganz besonderes Anliegen. Nach zehnminütigem
Gestammel finden wir heraus, dass sie ein Passfoto von sich machen lassen will.
Ein Passfoto? Die Frau hat allem Anschein nach nichts zu essen, hat zerrissene
Kleider und wahrscheinlich, wenn überhaupt, kein sehr schönes Zuhause – und
ihr grösstes Anliegen ist ein Passfoto? Wir versuchen, sie nach dem Grund zu
fragen und meinen nach einiger Anstrengung zu verstehen, dass sie eine Identitätskarte
braucht und dafür ein Foto von sich benötigt. Vermutlich kann man ohne Identitätsausweis
keine Arbeit finden oder keine Wohnung mieten. Doch weit gefehlt – sie braucht
die Identitätskarte, um am 16. Dezember den Präsidenten wählen zu können.
Ähhhh?
Wir verstehen gar nichts mehr. Aber unterdessen sind wir am Fotolabor im Zentrum
angelangt und Marc erkundigt sich nach den Preisen für ein Passfoto. Wir
bezahlen im Laden ihr Foto und sie entschwindet selig strahlend hinter dem
grauen Vorhang. Madagaskar hat vierzehn Millionen Einwohner. Der Präsident wird
nicht wegen einer Stimme mehr oder weniger gewählt werden. Und hier ist eine
Frau, die kaum ihr Kind ernähren kann und ihre grösste Sorge gilt der Präsidentenwahl?
Vielleicht haben wir auch falsch verstanden.... bestimmt.
Nach einem defintiv letzten „besten aller Zebusteaks“
im „Zebu philosophe“ gibt es im Kabary ein freudiges Wiedersehen mit Billy.
Er hat seit seiner Rückkehr nach Antsirabe mit seiner Malaria das Bett gehütet
und ist erst jetzt langsam wieder auf dem Weg der Besserung. Ebenfalls an
unserem Tisch sitzt der verdatterte Norweger, mit dem wir bei unserer Ankunft in
Tana das Taxi geteilt haben. Er ist unterdessen nicht mehr ganz so verdattert,
hat sich auch ohne Französisch die letzten paar Wochen ganz gut durch den
Norden geschlagen und wird am gleichen Tag wie wir seinen Rückflug antreten.
Wir geniessen diesen Abend mit den bekannten Gesichtern. Billy ist sehr herzlich
und erzählt viel. Wir können ihn nach Erklärungen bitten für all die Dinge,
die wir seit der Tour mit ihm erlebt und nicht verstanden haben. So fragt Marc
nochmals nach dem vermuteten Grund für das Passfoto, das die Frau heute so
dringend benötigt hat. Ohne ihm davon etwas erzählt zu haben, ist für Billy
die einzig logische Erklärung: die Präsidentenwahl! Er kann auch nicht richtig
verstehen, warum uns das komisch anmutet. Wir verzichten darauf, ihm zu erklären,
dass wir aus einem Land kommen in dem an einem gewöhnlichen Wahl- und
Abstimmungssonntag siebzig Prozent der Stimmzettel bereits in der
Altpapiersammlung liegen - und das obwohl jeder Schweizer mindestens zehn
Passfotos von sich besitzt...

Letzter Abend im Kabary
Wir verabschieden uns von Billy. Er erzählt uns
aufgeregt, dass er im Dezember nach Europa reisen wird. Eine Vahazette aus
Marseille hat ihn eingeladen. Er schwebt auf Wolke sieben... Wir haben uns
unterdessen schon mehrmals ausgemalt, wie er den Flug, Frankreich, die
Franzosen, das kalte Klima und all die vielen Eindrücke erleben wird.
Wahrscheinlich wird Europa für ihn noch viel fremder und weiter entfernt sein
als für uns Madagaskar.
Mit dem Pousse-Pousse werden wir zum Taxi-Brousse nach
Tana gebracht. Obwohl das Fahrzeug schon längst voll ist, werden immer noch
neue Passagiere auf die Sitze gequetscht – bis wir uns schliesslich weigern,
auch nur noch einen Zentimeter zur Seite zu rücken. Schliesslich haben wir fünf
Stunden Fahrt vor uns – und da brauche ich nicht unbedingt einen
Achtzig-Kilo-Menschen auf meinem Schoss. Wir schaffen es aber ohne nennenswerte
Zwischenfälle zurück in die Hauptstadt, chartern dort ein Taxi und wühlen uns
durchs Verkehrschaos zum Hotel. Tana gefällt uns von mal zu mal weniger gut. Es
ist einfach zu stickig hier und die Armut nimmt Ausmasse an, die einem hilflos
erscheinen lassen. Aber wir wollen sowieso nur eine Nacht hier bleiben, einen
Teil des Gepäcks im Hotel deponieren und morgen früh nach Andasibe
weiterfahren. Die paar Stunden, die uns an diesem Nachmittag noch bleiben sind
schnell vorbei. Wir stürzen uns noch ein wenig in das Marktgetümmel und bestätigen
auf dem AirFrance-Büro unsere Tickets. Auf der Strasse lässt sich Marc zum
Kauf einer Valiha hinreissen. Die mit Saiten bespannte und mit Schnitzereien
verzierte Bambusstange ist ein traditionelles Musikinstrument des Hochlandes.
Der Strassenverkäufer ist so verzweifelt, dass von den 170 000 Fmg, die er
zuerst nennt, noch 25 000 Fmg übrigbleiben, ohne dass Marc überhaupt handelt.
Das einzige Problem ist, dass wir nicht wissen, wie wir das Monstrum
transportieren sollen. Aber der Mann hat das Geld scheinbar dringend nötig und
so schleppt Marc dieses Riesending einen Tag lang über den Markt. Aber schön
ist es...
Am Samstag machen wir uns früh am Morgen auf nach
Moramanga („dort wo es viele Mangos gibt“ – und die gibt es dort wirklich)
und von dort aus in einem lustigen Klapperbus weiter nach Andasibe. Wir wählen
für unseren Ferienabschluss ein sehr schönes Hotel direkt am Eingang zum
Périnet-Reservat.
Wir entscheiden uns nach einigen Wieviel-Geld-haben-wir-noch- Bedenkminuten
sogar für ein Luxus-Bungalow mit Dusche und WC. Da sich bei mir noch am
gleichen Tag eine Blasenentzündung anmeldet, sind wir froh über unsere
Entscheidung. Das Geld wird wohl reichen, bis wir wieder in Tana und bei einer
Bank sind. Am Nachmittag spazieren wir ins zwei Kilometer entfernte Dorf, kaufen
Bananen und bewundern das Dorfkino, ein kahler Saal mit vielen Holzschemeln,
einem Fernseher und einem Videorecorder. Auf dem Rückweg entdecken wir am
Wegrand ein grosses Chamäleon. Marc möchte das Tier auf meinen roten Rucksack
verfrachten, damit wir beobachten können, wie es sich verfärbt. Doch auch Chamäleons
haben ihren eigenen Willen und der ist einiges stärker als unserer. Spannend zu
beobachten sind diese Tiere ohnehin – auf dem Rucksack oder auf dem Ast...
Wir geniessen den Abend mit einem „Punch de Coco“ auf
der Veranda, direkt am Ufer des Flusses, der die Hotelanlage vom Nationalpark
trennt. Über unseren Köpfen turnen nachtaktive Mausmakis in den Ästen herum.
Sie werden jeden Abend vom Hotelpersonal mit Bananen gefüttert und sind
unterdessen so zahm, dass man sie sogar streicheln kann. Es ist einer der Gründe,
warum wir das Konzept des Périnet-Reservates nicht vollkommen unterstützen können.
Da der Nationalpark nahe bei Tana liegt und durch eine gut geteerte Strasse mit
der Hauptstadt verbunden ist, wird er zum Pflichtstopp für Pauschaltouristen,
die mit Autobusen hingefahren werden und als grosse und dementsprechend laute
Gruppen in den Park strömen. Sie alle sind ausgerüstet mit riesigen Kameras
und Stativen, um die Hauptattraktion von Périnet möglichst nah ablichten zu können:
den Indri. Es ist der grösste aller lebenden Lemuren und wird in diesem Gebiet
richtiggehend vermarktet. Später erfahren wir, dass für die Indris auf Kosten
der anderen Tiere künstlich Platz geschaffen wird und das Gleichgewicht des
Parks schon ziemlich gestört ist.
<at the moment not available>
Chamäleon
Um fünf Uhr morgens werden wir geweckt – nicht vom
Wecker, nicht vom Hahn, sondern von den Indris. Bei Tagesanbruch beginnen sie
laute Schreie auszustossen, die das Territorium der einzelnen Lemurenfamilien
bezeichnen. Ich finde, es tönt ein wenig wie auf der Geisterbahn, Marc findet,
es tönt wie ein Weinen und erfindet auch gleich den poetischen Titel für seine
Dia-Show Zuhause: Madagaskar – oder das Weinen der Lemuren. Ob Geisterbahn
oder Weinen: jedenfalls finden wir es spannend, im Bett liegen zu können und
den Schreien zu lauschen. Unsere Tour an diesem Tag ist nur sehr kurz. Trotzdem
können wir hoch oben in den Baumwipfeln eine Lemurenfamilie beobachten. Den
Nachmittag verbringen wir gemütlich lesend auf der Veranda unseres Bungalows.

Unser schönes Bungalow
beim Périnet-Reservat
Am nächsten Morgen treffen wir uns schon um halb sieben
mit Christian, unserem Führer. Mit ihm werden wir heute acht Stunden durch den
Park wandern und sind sehr gespannt, was wir dabei alles entdecken werden. Als
erstes machen wir uns auf die Suche nach einer noch schlafenden Lemurenfamilie.
Marc hat wirklich ein Auge dafür und entdeckt sie noch vor Christian, nahe der
Strasse, in den Baumwipfeln. Wir hocken uns unter einen Baum und beobachten ganz
still, wie die vierköpfige Familie langsam erwacht. Dabei geht es ganz ähnlich
wie bei uns daheim zu. Die beiden Kinder sind zuerst wach und turnen schon in
den Ästen herum. Die Eltern bemerken den Lärm ihrer Youngsters und beginnen
sich ebenfalls zu recken und zu strecken. Zuerst machen alle ihr Morgen-Pipi,
bevor sie sich genüsslich zum Blätter-Frühstück begeben. Nach der Stärkung
beginnt eine rasante Morgengymnastik. Mit grossen Sprüngen schwingen sie sich
von Baum zu Baum. Wir folgen ihnen leise und können sie schliesslich direkt von
der Strasse aus beobachten. Wir warten auf ihr Schreien, das laut Christian der
nächste Punkt in ihrem Programm sein wird. Just in dem Moment, als Marc seinen
Minidisc zur Aufnahme präpariert und die Indris wirklich lauthals loslegen,
erscheint eine riesige Gruppe von Amerikanern, die nichts besseres zu tun haben,
als die Schreie nachzuäffen. Danke. Den Indris und uns verleidet es darauf hin
rasch, und wir ziehen uns in den Busch zurück. Es wird ein wunderschöner Tag.
Sobald wir uns ein Stück vom Parkeingang entfernt haben, sind wir nur noch zu
dritt und geniessen die verschiedenen Geräusche des Urwalds. Wir entdecken
Braunlemuren, Boas, Frösche, Riesenmäuse, Milane und unzählige Pflanzenarten.
Christian spricht sogar ein wenig Deutsch und weiss sehr viel Interessantes zu
erzählen. Als wir am Nachmittag wieder am Parkeingang stehen, sind wir erledigt
aber sehr, sehr glücklich, nochmals die Möglichkeit gehabt zu haben, so tief
in den Dschungel einzutauchen.
Nun geht es definitiv zurück. Im überfüllten Bus nach
Moramanga treffen wir auf einen Schweden, der drei Monate im Land unterwegs war.
Er hat auch den Norden besucht, berichtet uns aber, dass unser Entscheid für
den Süden wohl der richtige war. In Moramanga deponieren wir das Gepäck
vorerst an der Taxi-Brousse-Station und machen uns auf die Suche nach dem
Polizei-Museum, das in unserem Reiseführer empfohlen wird. Wir fragen zwei
Frauen nach dem Weg, und sie führen uns quer über verschiedene Hinterhöfe zur
Polizeistation. Der Eintrittspreis für das Museum beträgt das Doppelte des
Betrages, der im Reiseführer von 2001 aufgelistet ist. Und da der Museumschef,
ein Franzose, wirklich lustig drauf ist, beginnen wir, ihn damit aufzuziehen.
Weil wir kein Geld zurück wechseln können, sind wir an diesen letzten Tagen
wirklich ziemlich am rechnen und einigen uns mit dem Franzosen lachend darauf,
dass wir nur die Hälfte des Eintritts bezahlen, wenn wir uns während des
Besuchs ein Auge zuhalten. Das Museum ist wirklich interessant, und wir finden
sogar Fotos und Abzeichen von Polizisten aus der Schweiz.
Im Taxi-Brousse nach Tana treffen wir wieder einmal auf
Kate. Cameron erwartet sie bereits in der Stadt, weil er dort Probleme mit einem
Reiseveranstalter zu lösen versucht. Litschi-kauend fahren wir ein letztes Mal
Richtung Antananarivo. Das Gepäck wurde von unserem Hotel sicher verwahrt und
so haben wir noch genügend Zeit, ein wenig herum zu schlendern. Als wir die
Treppe zum Zoma, dem grossen Markt, hinabsteigen, fallen uns die unzähligen
bettelnden Kinder auf. Sie tun uns leid und wir beschliessen, auf dem Markt ein
paar Brote zu kaufen. Marc bezahlt, steckt seine Brieftasche wieder in die Hose,
will den Reisverschluss der Hosentasche schliessen – und weg ist das Geld. Wir
haben keine Chance. Marc kann sich nur noch schwach an einen kleinen Jungen im
gelben T-shirt erinnern, der sogleich unter den Marktständen verschwunden ist.
Das Gedränge ist zu gross. Wir hoffen, dass der Junge das Geld wirklich
gebrauchen kann. Da es unser zweitletzter Tag in Madagaskar ist, war nicht mehr
viel Geld in der Brieftasche. Die Visa-Karte, die wir für den Notfall
mitgenommen und nie gebraucht haben, zu sperren, wird mehr kosten, als die paar
Scheine wert waren. Wir verteilen die Brote an die Kinder, aus deren Reihen wohl
auch unser kleiner Dieb entspringt. Sie sind so arm. Man kann ihnen so einen
Gelegenheitsdiebstahl nicht übel nehmen.
<at the moment not available>
Armut
in Tana
Der letzte Tag steht ganz im Zeichen des Souvenir-Kaufes.
Da unser Flug erst um ein Uhr morgens geht, haben wir noch den ganzen Tag Zeit
dafür. Am Morgen erstellen wir ein Budget und damit geht’s dann ab auf den
Markt. Da wir uns wahllos für verschiedenste Dinge interessieren, haben wir
bald ein Gefolge von Händlern hinter uns, die ihre Chance wittern, und uns quer
über den ganzen Markt verfolgen. Wir hatten nicht mehr sehr viel Geld für
unsere Einkäufe zur Verfügung und doch sind wir ziemlich beladen, als wir uns
aus dem Marktgetümmel hinaus kämpfen. Am Nachmittag machen wir ein
Mango-Testessen. Von den süssesten Früchten kaufen wir zwei Kilo – ein paar
Extra-Vitamine für unsere winter-geplagten Schweizerfreunde Zuhause. Nachdem
wir noch ein Taxi zum Flughafen reserviert haben, bleibt uns in diesem Land
nicht mehr viel zu tun. Wir verbringen unseren letzten Abend im Restaurant
Sakamanga – dort wo wir auch unseren ersten Abend verbracht haben, dort wo
sich alle Reisenden treffen, diejenigen die erst angekommen sind, diejenigen die
schon bald wieder abfliegen – es ist ein merkwürdiges Gefühl.
Um zehn Uhr holt uns unser Taxi vom Hotel ab und bringt
uns zum Flughafen. Dort steht bereits eine riesige Schlange vor dem Zoll. Aber
wenn wir eines gelernt haben in Madagaskar, dann ist es Geduld zu haben – mora
mora. Im Wartesaal beobachten wir die vielen europäischen Ehepaare, die ganz
spezielle Souvenirs von Madagaskar nach Hause bringen: Kinder. Ein Paar hat
gleich „Drillinge“ bekommen, ist allerdings in diesem Moment ziemlich überfordert
mit dem Familienglück. Die Kinder schreien, und das ältere Mädchen schubst
ununterbrochen ihre zwei neuen Geschwister. Bei vielen Kindern haben wir das Gefühl,
dass sie mit Medikamenten ruhig gestellt worden sind. Viele müssen sich dann im
Flugzeug übergeben und weinen. Die ganze Situation ist wohl für die Kinder und
für die frisch gebackenen Eltern eine ziemlich grosse Belastung. Trotzdem
denken wir, dass diese Adoption für viele Kinder, die sonst vielleicht auf der
Strasse aufgewachsen, zu Diebstahl und Prostitution angehalten worden wären,
eine unglaubliche Chance ist. Wir hoffen, die Kinder werden sich wohl fühlen,
bei uns, in Europa, wo so vieles so sehr anders ist, als dort, wo sie geboren
sind...
Zürich empfängt uns überraschenderweise mit
freundlichstem Wetter. Trotzdem sind die Temperaturen natürlich nicht gerade
madagassisch. Aber wir haben unsere beiden Rucksäcke, wir haben uns und wir
haben die Sonne und das Lachen Madagaskars im Herzen – und dort wird es
bleiben. Für immer.